Filmkritiken
30.09.2014

EIN MENSCHLICHER VAMPIR

Der berühmteste Blutsauger auf Erden hat auch einmal als gewöhnlicher Mensch und besorgter Familienvater angefangen. Diese Erkenntnis ist zwar nicht neu und ganz logisch, aber so detailliert wurde sie uns bisher noch nie vor Augen geführt. Hollywood ist offenbar seit einiger Zeit dabei, an die Wurzeln zurückzukehren: im Vorjahr haben wir einen neuen Frankenstein geboten bekommen, diesmal führt uns Regisseur Gary Shore in seinem ersten Langfilm ins mittelalterliche Transsylvanien, wo Luke Evans als historischer Vlad „Der Pfähler“ friedlich zu herrschen versucht. Erst als die Türken sein Land zu verwüsten und seinen Sohn zu rauben drohen, ist er auf die Hilfe eines mächtigeren Wesens angewiesen, denn im Gebirge hat sich ein alter Vampir niedergelassen, der nur allzu gern bereit ist, die Vorzüge und v.a. Nachteile eines untoten Lebens an einen anderen weiterzugeben, um dadurch selber erlöst zu werden.

Aber so schnell geht das alles dann doch nicht: ein Bluttrunk aus der Vene des ungustiösen halbverfaulten Bleichlings ( Charles Dance aus „Game of Thrones“) verschafft dem Vlad vorerst für die Frist von drei Tagen übermenschliche Kräfte sowie die Fähigkeit, seinen Körper in hunderte kleine Fledermäuse aufzuspalten, und falls er in dieser Zeitspanne der Versuchung nicht erliegt, jemanden auszusaugen, ist der Vampirfluch wieder von ihm genommen. Wir wissen natürlich, dass dem nicht so sein wird, aber spannend und originell ist diese Version der Geschichte dennoch. Das Potential zu einem Klassiker des Vampirfilms hat „Dracula Untold“ zwar nicht, denn statt Horror wird hier eher Fantasy geboten, doch dank ambitionierter Kameraarbeit, die sich besonders in den Kampfszenen bewährt und einem guten Hauptdarsteller sind die 93 Minuten keine verschwendete Zeit. Da Vampire prinzipiell unsterblich sind und es obendrein auch so etwas wie Seelenwanderung geben dürfte, hat man sich gleich die Möglichkeit für eine Fortsetzung offen gehalten, die dann in der Gegenwart spielt. 7 von 10 transsylvanischen Blutgefäßen.

( franco schedl)