Filmkritiken
16.06.2015

EIN MORALISCH MOTIVIERTER KINDERRAUB

Susanne Biers neuester Film „Zweite Chance“ (den man nicht mit einem ihrer früheren Werke verwechseln sollte, das zwar den Originaltitel „Things we lost in the Fire“ trug, aber auf Deutsch den Titel „Eine neue Chance“ verpasst bekam) ist eine regelrechte Versuchsanordnung. Darum lautet auch sein Untertitel: „Wie weit würdest du gehen?“ Wir werden also persönlich angesprochen, durch eine Frage, die einen Gewissenskonflikt andeutet, mit dem jede(r) von uns - unter vergleichbaren Voraussetzungen – konfrontiert wäre.

Die dänische Regisseurin liebt es, in ihren Geschichten mit Kontrasten zu arbeiten und führt meist zwei unterschiedliche Ebenen ein; seien es zwei verschiedene Kulturkreise wie Indien + Dänemark ("Nach der Hochzeit"); seien es zwei Paare, von denen eines ein Kind erwartet, während das andere eines adoptieren möchte ("Der einzig Richtige"). Um zwei solche Kleinfamilien geht es auch in ihrem aktuellen Drama: zwei Mal bekommen wir die Trias Vater-Mutter-Kind geboten und es ist auf den ersten Blick ganz eindeutig, wem unsere Sympathie gelten wird: Natürlich dem Polizisten (gespielt vom „Game of Thrones“-Star Nikolaj Coster-Waldau), der in ländlicher Idylle mit Frau und Baby wohnt – und nicht den Junkies, in deren Wohnung uns Szenen von unglaublicher Verwahrlosung erwarten, für die eine bestimmte Folge von „Breaking Bad“ anregend gewirkt haben könnte.

Doch es ist die besondere Kunst dieser Regisseurin, das allzu Offensichtliche in Frage zu stellen und – zu unserer eigenen Verwunderung - sind wir allmählich so weit, unser erstes Urteil zu revidieren, nachdem der Polizist in einer persönlichen Extremsituation eine folgenschwere Entscheidung getroffen hat, die eine tragische Kettenreaktion auslöst. (Worin seine Entscheidung besteht, sei nur im Titel dieser Review angedeutet, damit keine Überraschungen vorweggenommen werden).

Ich würde so weit gehen, dafür 9 von 10 Punkten zu vergeben.