Filmkritiken
29.05.2013

EIN REICHLICH ZERZAUSTES WOLFSRUDEL

Regisseur und Drehbuchautor Todd Philipps hat sich zur Abwechslung etwas Revolutionäres einfallen lassen: eine neue Handlung! Während die Teile 1 + 2 zu 99,9% identisch und somit austauschbar sind, wird im angeblich großen „epischen Finale“ ausnahmsweise nicht geheiratet und die Mitglieder des menschlichen Wolfsrudels müssen sich nicht krampfhaft bemühen, nach einer durchzechten Nacht ihre Gedächtnislücken wieder aufzufüllen. Stattdessen stürzt der psychisch ohnehin höchst labile Alan (Zach Galifianakis) durch den Tod seines Vaters in eine echte Krise und ist mehr denn je auf die Unterstützung seiner besten Freunde angewiesen.

Völlig neu ist freilich auch die aktuelle Handlungsstruktur nicht: denn erneut wird Las Vegas zum Schauplatz des chaotischen Geschehens und wie bereits im Auftakt-Teil kommt Doug (Justin Bartha) relativ bald abhanden; bloß wissen die Jungs diesmal über seinen Verbleib besser Bescheid: der Gangster Marshall (John Goodman) hat ihn als Geisel einbehalten, weil er die drei anderen Kumpel zwingen will, einen Job für ihn zu erledigen. Ihnen bleibt wieder nur begrenzte Zeit, den Unglücksbringer Chow (Ken Jeong) sowie sehr viel Geld in Form von Goldbarren aufzutreiben.

In seinem Skript besinnt sich Philipps auf die Originalstory zurück und lässt plötzlich alles in einem neuen Licht erscheinen, da die - laut Filmzeit sechs Jahre zurückliegenden - Geschehnisse in Las Vegas nun eine etwas andere Deutung erhalten. Das klingt fast wie eine Parodie auf die „Saw“-Serie, wo ja auch ältere Ereignisse rückblickend neue Interpretationen erhalten, kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Glaubwürdigkeit hier schwere Einbußen erleidet. Weshalb sollte ein Gangster von Marshalls Format, der über Privatjets, Luxusvillen und eine Armee von Untergebenen verfügt, ausgerechnet die blutigen Anfänger mit dem wichtigen Auftrag betraut, ihm ein Vermögen in Millionenwerten zu beschaffen?

Außerdem bleibt neben den gnadenlos überdrehten Exzentrikern Alan und Chow, die allen die Schau stehlen, für andere Akteure wenig zu tun. Während Stu ( Ed Helms) früher immerhin mit einem fehlenden Zahn oder einem störenden Tattoo fertig zu werden hatte und damit hochkomische Effekte erzielte, bringt er nun höchstens sein überängstliches Wesen zur Geltung, was aber eindeutig zu wenig ist. Doug war von jeher die blasseste Figur in dem Quartett, aber sogar Phil (Bradley Cooper), der eigentliche Leitwolf des Rudels, wirkt diesmal reichlich fehl am Platz und absolviert seinen Part nur noch wie eine Pflichtübung.

Weil alle Beteiligten kategorisch erklären, es werde kein „Hangover 4“ mehr geben, liegt der Verdacht nahe, dass eine oder sogar mehrere der Hauptfiguren das Zeitliche segnen. Ab da es sich bei „Hangover“ im Grunde ohnehin nur um ein One Film-Wonder handelt, ist es durchaus legitim, die Reihe (un)sanft entschlafen zu lassen. Ich vergebe 7 von 10 mit kratzigen Wolfshaaren gefüllte Unruhekissen.