Filmkritiken
30.06.2015

EIN TEERDÄMON MIT ATEMPROBLEMEN GREIFT AN

Die Geister haben einen neuen Chef! Leigh Whannell hat nicht nur einen Psychopathen wie den Jigsaw-Killer aus „Saw“ miterfunden, sondern ist - als Drehbuchautor des ersten „Insidious“-Films - auch mit der Welt des Übersinnlichen bestens vertraut. Regie führte bei den zwei früheren Kapiteln der Gruselgeschichte allerdings immer sein kreativer Partner und „Saw“-Komplize James Wan. Erst im dritten Teil machte Whannell nun wirklich alles selber: er steuerte nicht nur erneut das Skript bei und übernahm wieder die Rolle des eher chaotischen Geisterjägers Specs, sondern wagte sich erstmals auch an die Inszenierung heran – eine Aufgabe, die ihm bisher offenbar mehr Angst als sämtliche von ihm erdachten Spukgestalten eingejagt hatte. Eine gänzlich unbegründete Angst allerdings, denn er beherrscht das Handwerk mindestens genauso gut wie Wan und sorgt für atmosphärisch stilvoll in Szene gesetzten Schrecken, den man als Genre-Fan durchaus zu schätzen weiß.

Eigentlich haben wir es hier mit einem Prequel zu tun: die Handlung spielt vor den Geschehnissen der beiden ersten Teile und wir erleben das Medium Elise in einer privaten und beruflichen Krisenzeit. Nach dem Selbstmord ihres Mannes ist sie ohnehin nicht gut drauf und seit ihr bei einem Ausflug ins Jenseits ein böser Frauengeist den Tod angedroht hat, scheut sie davor zurück, ihren Beruf weiterhin auszuüben. Erst die Bekanntschaft mit der jungen Quinn weckt Elise aus ihrer Erstarrung, denn das Mädchen schwebt in ernster Gefahr. Es hat erst kürzlich seine Mutter verloren und glaubt nun, die Tote würde weiterhin in ihrer Nähe bleiben, während es in Wirklichkeit ein ganz anderer übler Bursche ist, der es auf sie abgesehen hat: ein Dämon, der schwarze klebrige Fußabdrücke hinterlässt, auch gerne mal die Wände hochgeht und als modisches Accessoire eine Atemmaske trägt (vielleicht war er im früheren Leben beim Straßenbau beschäftigt und musste zu viele Teerdämpfe inhalieren?). Das leidgeprüfte Mädchen befindet sich in einer besonders schlimmen Lage, denn mit zwei gebrochenen Beinen ist es den dämonischen Heimsuchungen schutzlos ausgeliefert.

Grund genug für Elise, ihre Ängste zu überwinden und sich mit dem Gesindel aus der Geisterwelt erneut herumzuschlagen (was sehr wörtlich zu verstehen ist, da sie ganz schön zulangen kann, wenn es ihr Arbeit erfordert). Dabei helfen ihr zwei Möchtegern-Ghostbuster, die alle „Insidious“-Seher sofort als ihre späteren Mitarbeiter erkennen werden – wodurch auch der deutsche Zusatztitel „Jede Geschichte hat einen Anfang“ seinen Sinn erhält. Diese Geschichte bietet zwar nicht viel Neues auf dem Geistersektor und lässt sich viel Zeit, eine bedrohliche Stimmung zu entwickeln; andererseits führt sie uns aber den Umgang mit Trauer und Verlust in mehreren emotionsreichen Varianten vor und erzählt mit großer Anteilnahme von den Erleb- + Erleidnissen des Teenagermädchens, weshalb 8 von 10 teerigen Punktabdrücken gerechtfertigt sind.