Filmkritiken
23.05.2014

EIN ZUG RAST UM DIE EISZEIT-ERDE

Es heißt nicht umsonst "die oberen Zehntausend": Wer Geld hat, lebt üblicherweise näher an der Sonne. Wer keines hat, verrottet im Untergeschoß. Schon in Fritz Langs Stummfilmklassiker "Metropolis" schmachten die Unterdrückten im Maschinenraum. Die Reichen lustwandeln auf Dachterrassen.

Auch in jüngerer Hollywood-Science-Fiction wird die vertikale Rangordnung – oben reich, unten arm – streng eingehalten. In Katastrophen-Filmen wie "Oblivion" oder "Elysium" verlassen die Privilegierten gleich ganz die Erde und bauen sich ihre Luxus-Villen im All.

Der südkoreanische Starregisseur Bong Joon-ho macht es anders. Seine Klassengesellschaft ist horizontal angeordnet – in einem langen, dahinrasenden Zug. In den hinteren, fensterlosen Waggons hausen verelendete, dreckige Gestalten, während die vorderen, hellen Luxus-Abteile samt Beauty-Salons den Mächtigen vorbehalten bleiben. Dieser Zug jagt in rasantem Tempo durch eine komplett vereiste, unbewohnbare Landschaft und umrundet dabei immer wieder die Erde. Seine Insassen sind die letzten Überlebenden einer neuen Eiszeit.

"Snowpiercer" ist Bong Joon-hos erster englischsprachiger Film. Mit seinem Horror-Meisterstück "The Host" erreichte er 13 Millionen Zuschauer in Korea und stellte sich in den internationalen Preisregen. Für "Snowpiercer" adaptierte er den Comicroman "Schneekreuzer" und besetzte ihn mit einem internationalen Ensemble – von "Captain America" Chris Evans, Tilda Swinton, Jamie Bell bis hin zu dem Star aus "The Host", Song Kang-ho.

In den USA nahmen die notorischen Weinstein-Brüder den Film in Verleih, kündigten aber Zensuren an – was zu Streitereien mit dem Regisseur führte. Nach letztem Stand bekommt das US-Publikum nun doch eine ungekürzte Version zu Gesicht – aber nur in wenigen Kinos.

atsächlich überragt Bongs dunkel-versponnener Apokalypse-Thriller das durchschnittliche Blockbuster-Spektakel mit seinen kontemplativen Spannungspausen. Eine aufständische Truppe unter der Führung von Curtis (Chris Evans) arbeitet sich von Waggon zu Waggon Richtung Lokführer – dem Zentrum der Macht. Hinter jeder Waggon-Tür verbirgt sich ein neues, zumeist blutiges Abenteuer. Den düsteren Realismus von halluzinatorischen Schlachtszenen und intimen Todes-Tangos unterbricht Bong immer wieder mit bizarr-bunten Komik-Einlagen. So etwa Tilda Swinton als Albtraum einer militanten Brit-Gouvernante: Mit riesiger Eulenbrille und falschen Zähnen terrorisiert sie ihre Untergebenen.

Visuelle Anleihen fand Bong offensichtlich bei Terry Gilliams " Brazil", während die Außenaufnahmen für die gewaltigen Schneelandschaften bis nach Österreich führten – laut Abspann in die Zillertaler Alpen.