Filmkritiken
01/06/2015

EINE ANTI TRAPP-FAMILIE

Das dunkle Waldviertel mit seinem unerbittlichen Baumbestand, entlegenen Winkeln, unergründlichen Seen und geheimnisvollen Wackelsteinen ist ja an und für sich schon ein bisschen unheimlich. Da bedarf es nur noch ganz weniger – aber natürlich entscheidender - Zugaben durch das Regie-Duo Veronika Franz und Severin Fiala, um das Gefühl der Bedrohung in richtige Panik umschlagen zu lassen. Das gelingt den beiden in ihrem ersten Spielfilm tatsächlich perfekt, denn sie beherrschen das Handwerk und lösen bei ihren Figuren (und bei uns Zuschauern) ein Gefühlsspektrum aus, das dank fortgesetzten Irritationen von leisem Unbehagen bis zum blanken Horror reicht.

Für zwei halbwüchsige Zwillingsbrüder ist diese waldviertler Landschaft ein großer Spielplatz, aber ihre Streifzüge sind zugleich auch mit der Lust am Nervenkitzel gepaart, wenn sie durch ein labyrinthisches Maisfeld laufen, in der Schwärze eines Stollens verschwinden oder im Beinhaus eines verwilderten Waldfriedhofs über Menschenknochen gehen. Das ist zumindest die eine „offizielle“ Ebene, auf einer nächst höheren gewinnen diese Bilder dann unerwartete Symbolkraft, was uns aber zunächst nicht deutlich wird. Franz & Fiala sind nämlich obendrein ganz schön hinterhältig: nach Ablauf des Abspanns müsste man sich ihren Film gleich noch ein zweites Mal anschauen, da wir erst ganz zuletzt über gewisse Informationen verfügen, die uns das Vorhergehende mit anderen Augen und Ohren sehen und hören ließen. Immerhin bietet ja bereits der Filmtitel mit seinem unvollständigen Zitat (gerade das Weggelassene ist das Entscheidende) einen wichtigen Fingerzeig.

Die Zweisamkeit der Brüder wird durch die Rückkehr einer Person ins einsam gelegene Haus unterbrochen, die behauptet, ihre Mutter zu sein. Vielleicht stimmt das sogar, aber es sind auch Zweifel geboten. Das Gesicht der Frau ist durch Bandagen verhüllt und somit nicht erkennbar. Hat sie sich einer Schönheits-OP unterzogen oder sind es eher die Folgen eines Unfalls? Wir wissen es nicht genau und das trägt zur allgemeinen Verunsicherung bei. Die Bandagierte benimmt sich außerdem verdächtig genug und legt mitunter eine ganz unmütterliche Härte an den Tag: etwa wenn sie den einen Sohn dazu zwingen will, mit seinem Bruder nicht mehr zu sprechen. Kein Wunder, dass die Zwillinge in dieser Situation immer stärker zusammenhalten und sich gegen die Frau auf ihre Weise zur Wehr setzen.

Beide Kinder verfügen noch dazu über ein reges Traumleben, bei dem sich surrealistisch angehauchte Situationen ergeben, die direkt aus berühmten Werken der Filmgeschichte stammen könnten. Ganz abwegig ist das nicht, denn Franz & Fiala wissen eben von ihren großen Vorbildern kreativen Gebrauch zu machen. Produzent Ulrich Seidl hat übrigens fast keine erkennbaren Spuren in diesem Werk hinterlassen. Höchstens für die Dauer einer Szene fühlt man sich dann doch an ihn erinnert: zwei spendensammelnde Rotes Kreuz-Angestellte, die kurz vorbeischauen, als sich die Lage in dem Haus soeben dramatisch zuspitzt, scheinen eine Leihgabe aus Seidls unerschöpflicher Typen-Sammlung zu sein.

Am Anfang singt die filmische Trapp-Familie ein berühmtes Gute-Nacht-Lied. So treuherzig lieb und musterhaft seelenrein wird sich hier im Folgenden garantiert nichts abspielen, doch im letzten Bild kehrt ein Anklang an diesen Beginn wieder; aber vielleicht befinden wir uns dann nach all dem Schrecken auch schon endgültig in einer besseren Welt – die Figuren hätten es sich jedenfalls verdient. „Ich seh Ich seh“ verdient sich hingegen 9 von 10 beängstigenden Baumrindenmasken.

Eine Frau mit völlig einbandagiertem Kopf erweckt das Misstrauen ihrer Zwillingssöhne: die bezweifeln nämlich, dass unter den Mullbinden tatsächlich ihre Mutter steckt -- und das Grauen nimmt seinen Lauf!