Filmkritiken
28.04.2015

EINE BUNTE SERIENKILLER-KOMÖDIE

Ein etwas seltsamer Junge ist Jerry schon – und das nicht etwa, weil er an seinem Arbeitsplatz ein pinkfarbenes Overall trägt (das müssen seine Kollegen auch); auch nicht, weil er ziemlich schüchtern und unbeholfen im Umgang mit Menschen ist, sondern weil er daheim von zwei Haustieren, dem gutmütigen Hund Bosco und dem teuflischen Kater Mr. Whiskers, erwartet wird, mit denen er sich stundenlang unterhält. Die beiden antworten ihm mit menschlichen Stimmen, obwohl sie keine Wundertiere sind und wir uns auch nicht in einem Disney-Film befinden – ganz im Gegenteil. Denn man sollte keinesfalls zu erwähnen vergessen, dass da im Kühlschrank auch noch ein paar abgetrennte Frauenköpfe liegen, die ebenfalls ein Wörtchen mitzureden haben. Aber es gibt für alles eine ganz einfache Erklärung: In Wirklichkeit hört Jerry die Stimmen natürlich nur in seinem Kopf, wie das bei schizophrenen Serienkiller so üblich ist.

„The Voices“ verschafft uns ein Wechselbad der Gefühle: einerseits finden wir die Hauptfigur wohl ziemlich sympathisch, andererseits können wir ihren Taten gar keinen Gefallen abgewinnen und die beiden sprechenden Tiere trösten uns auch nicht über dieses Manko hinweg. Während bei „American Psycho“ das Lachen leichter gefallen ist, weil der Killer Teil einer schrillen Gesellschaftssatire war, hinterlässt die hier erzeugte Heiterkeit beim Zuschauer ein ziemlich schlechtes Gewissen. Die bunte Phantasiewelt des Mörders ist eben eine reine Privatangelegenheit und sein Schicksal könnte die filmisch aufbereitete Fallstudie aus einem Lehrbuch für klinische Psychiatrie sein. Der Film lebt vom Gegensatz zwischen Jerrys Halluzinationen, in denen er sich eine perfekte Welt vorgaukelt und der dunklen blutigen Wirklichkeit, in die auch der Mann eintauchen müsste, sobald er seine vorgeschriebenen Medikamente einnehmen würde.

Regisseurin Marjane SatrapiPersepolis“) glückt die heikle Gratwanderung zwischen Grauen und überdrehter Komödie. Selten zuvor hat uns ein Film derart konsequent in die Phantasiewelt eines Mörders eintauchen lassen; das ergibt im wahrsten Sinne des Wortes eine irre Erfahrung, die man nicht verpassen sollte - und Ryan Reinolds hat sich für seine Glanzleistung den besten Psychiater verdient, der sich nur finden lässt. 8 von 10 sprechenden Punkten.

Ein freundlicher Fabrikarbeiter wird zum Serienmörder - angestachelt von seinen sprechenden Haustieren, einem verdorbenen Kater und einem gutmütigen Hund.