Filmkritiken
17.06.2014

EINE SINNLICHE WELTERFAHRUNG

Ein paar Menschen versuchen allen Hindernissen zum Trotz ihren Weg zu finden und landen dabei manchmal auch schmerzhaft auf der Nase. Was wie eine Metapher für unser aller Leben klingt, ist in Andrzej Jakimowskis außergewöhnlichem Film ganz wörtlich zu verstehen. Dort kommt zu Beginn ein unauffälliger Mann, der schwarze Sonnenbrillen trägt in eine Augenklinik nach Lissabon. Wenn man ihm dabei zusieht, wie er zielstrebig durch den Hof steuert, kann es sich bei ihm jedenfalls nur um einen Besucher handeln. Vielleicht ist er hauptberuflich Stepptänzer, denn seine Schuhsohlen sind offenbar mit Stahlplättchen versehen und hinterlassen klackende Geräusche. Oder ist er ein Mensch, der Extremsport liebt und gerne gefährlich lebt? Darauf würden ein paar bereits ziemlich verheilte und einige frischere Schürfwunden in seinem Gesicht hindeuten. Die große Überraschung steht uns aber noch bevor: denn in Kürze werden wir merken, dass der Mann namens Ian tatsächlich nichts sieht und als neuer Lehrer an der Klinik engagiert wurde, um den jungen Patienten einige Techniken beizubringen, die das Alltagsleben von Blinden erleichtern können.

Da er keinen Blindenstock benutzt, sind seine Schüler vorerst skeptisch und verdächtigen ihn, ein Simulant zu sein. Doch er hat eine ganz spezielle Methode, sich in der Welt zurechtzufinden und bedient sich des sogenannten Echoortungssystems, bei dem Zungenschnalzen und Fingerschnippen dazu beitragen können, sich ein Bild der näheren Umgebung zu verschaffen. Als er die scheue Patientin Eve ( Alexandra Maria Lara) auf einen Trip in die Stadt mitnimmt, eröffnet sich auch für uns eine Welt der geschärften Sinne: jedes kleinste Geräusch gewinnt unter Ians Anleitung bisher ungeahnte Wichtigkeit; und wir erkennen verblüfft, wie blind die meisten Sehenden durchs Leben gehen.

Hauptdarsteller Edward Hogg hat sich seine Rolle schwer erarbeitet und beim Echoortungs-Profi Alejandro Navas ein intensives Trainingsprogramm absolviert; außerdem trug er während der Dreharbeiten lichtundurchlässige Kontaktlinsen, die sein Sehvermögen stark einschränkten. Für seinen Lehrmeister hat er nur die höchsten Lobestöne: „Ich bin erstaunt über seine Geschwindigkeit und wie direkt er bei seinen Bewegungsentscheidungen war. Kopf hoch und Brust raus. Im Leben – blind oder nicht – sind Hindernisse manchmal versteckt.“

Regisseur Jakimowski hat es nicht nötig, uns mit Hilfe optischer Spielereien am beeinträchtigten Sehvermögen der Figuren teilhaben zu lassen – statt auf unscharfe Optik zu setzen, versteht er es, uns durch geschickt komponierte Bilder über manche Dinge im Unklaren zu lassen: wir sind vorerst ebenso wie Eve auf die Informationen ihres Führers Ian angewiesen, und müssen ihm glauben, wenn er behauptet, dass der Baum, unter dem sie gerade sitzen, Kirschen trägt oder das kleine Café, in dem sie später einkehren, direkt beim Hafen liegt. Es ist aber nie auszuschließen, dass sich Ian einfach einen Spaß mit Eve - und auch mit uns - erlaubt (z.B. was die Früchte betrifft). Denn obwohl man es der Thematik nicht unbedingt zutrauen würde, weist „Imagine“ durchaus humorvolle Seiten auf und sogar frisch entnommene Glasaugen tragen zu diesem Effekt bei. Andererseits beschönigt der Film aber nichts und umgibt die Welt der Blinden mit keinem Schein von falscher Romantik: es bleibt in manchen Situationen einfach ein großes Risiko, nichts sehen zu können und mitunter wird die Lage der betroffenen Personen auch lebensgefährlich – z.B. wenn es darum geht, ohne fremde Hilfe eine Autostraße zu überqueren.

Wir vergeben als Fazit jedenfalls ohne fremde Hilfe 9 von 10 echogeortete Filmpunkte.