Filmkritiken
22.11.2012

EINES LANGEN TAGES REISE IN DIE SCHULD

„Das Vergangene ist nicht tot; es ist nicht einmal vergangen“, heißt es einmal bei der Schriftstellerin Christa Wolf. Auch für die österreichische Regisseurin Barbara Albert ist die Vergangenheit der eigenen Familie lebendig und Gegenstand kritischer Befragung. In ihrem autobiografisch gefärbten Spielfilm forscht eine junge Frau nach, was ihr aus Siebenbürgen stammender Großvater für eine (Täter-)Rolle während der Nazi-Zeit spielte.

Absichtlich naiv lässt Albert dabei ihre junge Protagonistin Sita quasi bei Bewusstseinsstufe Null anfangen. Bei einem Wien-Besuch findet sie ein Foto von ihrem Großvater in SS-Uniform. Alarmiert tastet sie sich langsam die schweigende Mauer der Verwandten entlang. Sita durchreist Osteuropa, durchforstet Archive und sucht nach Dokumenten.

Albert umfängt dabei den Alltag der jungen Frau mit beweglicher Handkamera, umreißt deren Lebensgefühl und die potentielle Sprengkraft von Jugendlichkeit immer wieder ganz hervorragend. Doch der Kern des Dramas – die Erkenntnis der Schuldhaftigkeit eines geliebten Menschen – findet kein ästhetisches Äquivalent. Trotz aller Anstrengung nach Einfühlung bleibt Albert an der Oberfläche. Zwar werden die Erzählstationen brav abgeklappert und Fakten zutage gefördert. Doch Sita dabei zuzusehen, wie sie Zettelkästen öffnet und Karteikarten durchblättert, bebildert eine Recherche, nicht aber deren Erfahrung.

KURIER-Wertung: ***1/2 von *****

Die Reise in die belastete Vergangenheit ihrer eigenen Familie führt die 25-jährigen Sita von Berlin über Wien und Warschau bis nach Rumänien.