Filmkritiken
26.09.2017

"Es": Kinderschreck in King-Size

Bill Skarsgård erweckt Pennywise, das literarische Urbild aller Horrorclowns, zu grauenvollem Leben.

ES ist wieder da! Zeitgerecht zu Stephen Kings 70. Geburtstag kehrt das weißgeschminkte Böse aus der Kanalisation zurück und versetzt amerikanischen Teenagern in den 1980er Jahren einen Schock nach dem andern – falls es ihnen nicht gleich die Gliedmaßen abbeißt.

Der neue Horrorclown

Bill Skarsgård erweist sich als würdiger Nachfolger von Tim Curry und erweckt das literarische Urbild aller Horrorclowns zu grauenvollem Leben, indem er seine beweglichen Raubtieraugen leuchten lässt oder ein richtiges Alien-Gebiss aus dem Mund stülpt. Seine Lieblingsmethode besteht jedoch in Psychospielchen, denn er zwingt jedes seiner jungen Opfer, sich den ureigenen Ängsten zu stellen, und die treten in vielerlei Gestalten auf - z.B. als deformierter Flötenspieler aus einem Gemälde und als Leprakranker, es kann aber auch eine Blutfontäne aus dem Abfluss oder der tote kleine Bruder im dunklen Keller sein.

Abfolge von Attraktionen

Hinter solchem perfekt inszenierten Schrecken verbirgt sich zugleich eine Schwäche des Werks. Im Roman sind die Schockmomente über hunderte Seiten hinweg gut verteilt, doch bei Andrés Muschietti kommt es zu einer regelrechten Häufung. Dadurch gleicht "Es" als Schauerlebnis einer Geisterbahnfahrt, bei der uns alle fünf Minuten neue Attraktionen des Grauens erwarten. Der Regisseur setzt somit verstärkt aufs Grobe und lässt sich für Feinheiten zu wenig Zeit: darum erzählt er eher schematisch, wie sich die Freundschaft zwischen den Kindern entwickelt. Trotzdem schafft es der Film, uns zu vermitteln, dass das wahre Böse nicht in den Abwasserkanälen unter der Stadt haust, sondern ganz woanders zu finden ist - hauptsächlich in der eigenen Familie. Da gibt es den Polizisten, der seinen Sohn durch falsche Erziehung zum Psychopathen werden lässt, ein anderer Vater hat seine Tochter einfach zu gern, und eine Mutter will ihren Sohn ganz für sich behalten. Aber auch die braven Mitbürger sehen einfach teilnahmslos zu, wenn sie zufällig Zeugen einer Kindesmisshandlung werden.

Fortsetzung in Sicht

„Es“ ist übrigens ein Film mit Fortsetzungsgarantie, denn während King im Roman zwei Zeitebenen miteinander verschränkt, bleibt bei Muschietti die nächste Konfrontation mit Pennywise einem weiteren Teil vorbehalten - und da der Clown alle 27 Jahre wiederkehrt, lässt sich leicht ausrechnen, wann das zweite Filmkapitel spielen wird. Aber man darf zumindest darüber rätseln, welche erwachsenen Schauspieler dann die Rollen der ehemaligen Kinder übernehmen werden.

7 von 10 mit Kanalgas gefüllten roten Ballonpunkten

franco schedl