Filmkritiken
29.07.2015

FILMEMACHER IN DER JUGENDFALLE

Die Großaufnahme eines reizenden Babys steht am Beginn von "Gefühlt Mitte Zwanzig". Fasziniert lauscht es dem als Einschlaf-Lied interpretierten Song "Golden Years" von David Bowie. Ein gefühlt Mitte Vierzig wirkendes Paar, gespielt von Naomi Watts und Ben Stiller, blickt verzückt auf das Kind – bis es von der wirklichen Mutter abgeholt wird. Damit wird klar, dass es sich bei dem Paar nicht um Eltern oder Großeltern handelt, sondern um Josh und Cornelia, zwei kinderlose New Yorker, die ihren Kinderwunsch einer letztlich doch nicht stattgefundenen Karriere geopfert haben. Rund um die beiden entwickelt sich die Story einer Midlife-Crisis, wie sie sich oft zwischen den Optimismus der Jugend und die viel zitierte "Weisheit des Alters" schiebt. Josh arbeitet seit acht Jahren an einem Dokumentarfilm, der die ultimative Wahrheit über den Weg Amerikas vom Land der unbegrenzten Möglichkeiten in die Kapitalismus-Falle erzählen soll.

Auf die Kapitalismus-Falle, in der sich Josh befindet, weil niemand die Fertigstellung seines Dokumentarfilms finanzieren will, folgt die Jugendfalle. Die Begegnung mit Jamie (Adam Driver) und dessen Frau Darby (Amanda Seyfried) scheint eine Wende in das Leben von Josh und Cornelia zu bringen. Jamie gibt sich als Bewunderer von Josh zu erkennen und nennt ihn sein Vorbild. Die Schmeicheleien vom jungen Möchtegern-Regisseur, der nicht gefühlt, sondern tatsächlich erst Mitte zwanzig ist, bauen Josh auf. Er überredet auch Cornelia dazu, viel Zeit mit dem jungen Pärchen zu verbringen.

Regisseur Noah Baumbach macht sich damit über ältere Paare lustig, die krampfhaft versuchen, mittels trendiger Kleidung und Hip-Hop-Training jugendlich zu wirken. Die Jugend – so die Erkenntnis – ist ein vorübergehender Zustand, den man weder durch schrilles Gehabe noch durch etwaige Schönheitsoperationen festhalten kann.

Dank der durchwegs guten Schauspieler hätte aus "Gefühlt Mitte Zwanzig" ein Film werden können, der Woody Allen durchaus Ehre gemacht hätte. Leider desavouiert Noah Baumbach, der selbst echte und wohl auch gefühlte Mitte vierzig ist, seine jugendlichen Protagonisten. Er lässt Josh erkennen, dass sein junger Bewunderer keine Alternative zur Midlife-Crisis bietet, sondern dass er lediglich als Epigone die Ideen seiner Vorbilder zu eigenen machen will. Als angehender Dokumentarfilmer ist Jamie – anders als Josh – nicht auf der Suche nach Wahrheit, sondern nach einer schnellen Karriere. Zwar gelingen dem routinierten Filmemacher, der Noah Baumbach zweifellos ist, immer wieder neue Spielarten von Situationskomik, die Ben Stiller ebenso routiniert serviert. Doch der wohlmeinende Humor, mit dem Baumbach den ebenfalls von Stiller gespielten Verlierer-Typ Roger in "Greenberg" begleitet hat, ist in "Gefühlt Mitte Zwanzig" leider einem Altherrenzynismus gewichen.

KURIER-Wertung: ***1/2

Der Film geht dem Lebensgefühl einer Generation nach, für die das Erwachsenwerden nur eine Option unter vielen ist, und die sich zwischen den unendlichen Möglichkeiten, die das Leben von heute bietet, kaum entscheiden kann.