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Filmkritik
05/04/2020

"After Life": Ricky Gervais als liebenswerter Zyniker auf Netflix

Gervais erzählt als Autor, Regisseur und Hauptdarsteller die Erlebnisse eines selbstmordgefährdeten Witwers in einer englischen Kleinstadt.

von Franco Schedl

Streamingdienste haben offenbar eine Schwäche für große Komödianten. Vor ein paar Jahren wurde Woody Allen von Amazon unter Vertrag genommen und lieferte wenig später die sechsteilige Miniserie „Crisis in Six Scenes“. Leider bekam es Amazon dann mit der Angst zu tun und die Zusammenarbeit mündete in einem unschönen Gerichtsprozess. Netflix geht mit der Wahl von Ricky Gervais da schon auf Nummer Sicher, denn dieser Mann wird wohl keine moralischen Bedenken erregen. Als Autor, Regisseur und Hauptdarsteller erzählt Gervais mit „After Life“ die tragikomische Geschichte eines traurig-wütenden Mannes, der nach dem Krebstod seiner Frau in eine existenzielle Krise gerät, mit Selbstmord liebäugelt und die Menschen durch schonungslose Offenheit - man könnte es auch Zynismus nennen - vor den Kopf stößt. Selbst seine engsten Freunde verschont er nicht mit sarkastischen und durchaus verletzenden Bemerkungen.

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Staffel 1 als Weg aus der Krise

Die erste Staffel umfasste sechs halbstündige Folgen und ihr Aufbau hinterließ einen recht schematischen Eindruck. Gervais beschreibt immer wiederkehrende Situationen im Tageablauf seiner Hauptfigur Toni: das Füttern des Hundes, die Streitereien mit dem neuen Postboten, Sitzungen mit einem witzigen Psychiater, Gänge zum Grab der Frau, Gespräche mit einer alten Witwe, Besuche beim demenzkranken Vater im Pflegeheim und schließlich Büroszenen, denn Toni arbeitet am Käseblatt einer britischen Kleinstadt mit. Sein Chef ist zugleich sein Schwager, der alles dafür tut, den Depressiven aufzumuntern, doch dieser Griesgram ärgert lieber eine naive Kollegin oder macht sich über die Speckröllchen im Nacken seines übergewichtigen Kollegen und Freundes lustig, während eine junge Praktikantin alles mit  großen staunenden Augen beobachtet. Bei ihren Recherchearbeiten werden die Zeitungsleute dann mit entsprechend skurrilen Zeitgenossen konfrontiert. Zwischendurch schaut die pummelige Sexarbeiterin mit dem goldenen Herzen vorbei, um gute Laune zu verbreiten; und außerdem hat Tonis Frau noch auf dem Sterbebett eine Videobotschaft nach der anderen aufgenommen, die nun der Witwer ständig abspielt, falls er sich nicht kurze Clips aus glücklicheren Ehezeiten ansieht. So geht es über fünf Folgen dahin, bis Toni dann zum Abschluss der ersten Staffel eine wundersame Wandlung vollzieht und plötzlich wie ein neuer Ebenezer Scrooge zum Menschenfreund wird: er tut den Personen seiner Umgebung Gutes, gibt neunmalkluge Lebensregeln von sich und vereinbart endlich ein Date mit der angehimmelten Pflegerin seines Vaters.

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Staffel 2 fast ohne Depressionen

Somit wäre eigentlich alles zu einem eher konventionellen und etwas fadem Ende gekommen und eine zweite Staffel gar nicht mehr nötig gewesen. Trotzdem geht‘s jetzt aber weiter. Stirbt womöglich auch noch Tonis Hund und stürzt ihn – als Comedy-Version von „John Wick“ – erneut in eine Sinnkrise? Erfreulicherweise bleibt der Hund am Leben und dummerweise hat es mit der Pflegerin nicht geklappt, doch Toni ist aus dem Gröbsten raus und erleidet keinen Rückfall in die Depri-Phase. Der Witwer rastet nur noch gelegentlich aus – etwa beim Besuch eines Meditationskurses, den er nach kaum fünf Minuten wutentbrannt wieder verlässt, bleibt aber ansonsten sehr pflegeleicht. Daher konzentriert sich Gervais gar nicht mehr ausschließlich auf seine Hauptfigur, sondern wendet sich vermehrt den Nebenfiguren zu, wodurch der Schematismus aufgelockert wird. Nun steckt Tonis Schwager in Eheproblemen und sitzt dem immer vulgärer werdenden Psychiater gegenüber; der seltsame Postbote wird näher charakterisiert, und die bisher als reichlich beschränkt dargestellte Arbeitskollegin zeigt sich ebenfalls von neuen Seiten.

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Beliebigkeit

All das verschafft der Serie größeren Handlungsspielraum und dramaturgische Freiheiten, zugleich wird man sich aber vielleicht auch nach einer etwas strafferen Storyline zurücksehnen. Staffel 1 hatte Tonis Kampf mit sich selbst zum Zentralthema, Staffel 2 lässt solche Einheit vermissen und erzeugt somit einen Eindruck von Beliebigkeit. Ein echter Spannungsbogen entsteht nicht; daran kann eine vorübergehende Bedrohung durch Verlust von Büro und Job auch nicht viel ändern; und die Proben einer Laiengruppe nebst anschließendem Theaterabend sind in der Manier von „England sucht den Superstar“ bloß nervig.  Zum Staffelfinale wird es dann aber doch noch überraschend dramatisch, weil Toni mit einem neuen Verlust klarkommen muss.

Die besten Szenen sind jene, in denen völlig Fremde zu uns sprechen, weil sie von den Zeitungsmitarbeitern interviewt werden. Da lernen wir absolut schräge Typen kennen, die im Leben gescheitert sind und nun ein bisschen Anerkennung suchen. Das ergibt oft herzzerreißend komische Momente und zeigt, welch guter Menschenkenner Gervais ist. Außerdem verfügt er über erstklassigen Musikgeschmack: meist gibt es zu Beginn und Ende je einen einprägsamen Song zu hören.

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