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© MajesticSunseitn

Filmkritik
08/10/2020

"Ausgrissn! In der Lederhosen nach Las Vegas": Ein Reisedoku- und Fiktionserlebnis

Die Brüder Julian und Thomas Wittmann haben auf alten Mopeds 12 000km quer durch Amerika zurückgelegt, doch in dem Film darüber verschwimmen Fakten und Fiktion.

von Franco Schedl

Zwei ausbaazte bayrische Spezis reiten in speckigen Lederhosen auf Mopedsätteln im 40km/h-Tempo quer durch die USA und halten ihre Erlebnisse mit der Kamera fest. Das beschreibt die Ausgangssituation dieses bajuvaro-amerikanischen Roadmovies aber nur annähernd genau, denn hier ist nichts so eindeutig, wie es zu sein scheint und der Film steht gleich in der ersten Szene buchstäblich Kopf. Fakt ist zumindest folgendes: Die Brüder Julian und Thomas Wittmann haben sich einen Traum erfüllt und auf der Suche nach Freiheit – was auch immer das sein mag – im Sommer 2018 12.000 km mit ihren 50 Jahre alten Mopeds zurückgelegt. Zum Aufwärmen sind sie gleich einmal rund 1000 km von Bayern nach Antwerpen gefahren, bevor sie eine Schiffsreise Richtung New York angetreten konnten.

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Rahmenhandlung im Wirtshaus

Trotzdem tun die Wittmanns (von denen Julian als Regisseur fungiert) alles, um zu vermeiden, diesen Film wie eine gängige Reisedoku aussehen zu lassen, und wollen gezielt den Eindruck von Fiktion erzeugen. Durch bayrischer Schmäh entsteht der Eindruck, dass sie sich selber nicht ganz ernst nehmen. Das wird bereits an der Rahmenhandlung deutlich: Die zwei Brüder bereiten in ihrem heimischen Dorfwirtshaus einen Filmabend zum großen Trip vor und versuchen hektisch, einen alten Projektor in Gang zu setzen.  (Wir sollen also gleich einmal glauben, dass tatsächlich alles auf Celluloid festgehalten wurde und Digitalfilm ein Fremdwort geblieben ist.)   Nachdem sie kläglich scheitern, suchen sie im Wirtshausklo Zuflucht und werden von der Putzfrau wieder aufgemuntert. Ihr helfen sie dann nicht nur beim Kloreinigen, sondern erzählen ihr währenddessen von ihrer Reise, und weil das irrtümlich eingeschaltete Mikro gleich danebenliegt, können die Leute im Schankraum zuhören und zugleich zuschauen, da der Projektor inzwischen ganz von alleine doch noch begonnen hat, den Film abzuspulen.

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Eine weise Putzfrau

Diese Gasthausbesucher werden von Schauspielern verkörpert und kommentieren das Geschehen immer wieder. Solche Spielszenen sollen wohl zeigen, wie ihre Landsleute mit den Verlockungen der Fremde umgehen und alles gipfelt in einem emotionalen Gespräch zwischen der fiktiven Wirtin und ihrer Tochter, bei dem die ältere Frau die größte Angst an den Tag legt, dass ihr erwachsenes Kind womöglich auch auf ähnliche Reisegedanken kommen könnte.  Gerade eine solche Szene wirkt wie die Verfilmung einer alten Dorfgeschichte von Ludwig Thoma und verleiht dem ganzen Film auch eine gewisse Schwerfälligkeit. Es scheint, als wollte man hier mit Weisheiten von Kalendersprüchen auffahren, und auch die als Leitmotiv verwendete Frage nach dem Sinn von Freiheit fügt sich da ein, denn abgesehen von ein paar nichtsagenden Floskeln, erhalten wir naturgemäß keine Antwort darauf. Bloß die weise Putzfrau sagt ihnen am Ende, dass bereits der Entschluss, die Reise anzutreten, ein Zeichen von größter Freiheit gewesen sei.

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Reiseerlebnisse

Was erleben die Brüder denn nun eigentlich auf ihrer Abenteuerreise? Ein altgedienter Militarist nimmt sie im Auto mit und fährt zu einem Schießstand, wo man die Waffenverliebtheit der Amerikaner aus nächster Nähe mitverfolgen kann. Danach treffen sie in Nashville auf einen erfahrenen Musikproduzenten und angeblichen Ghostwriter von Johnny Cash. Nach diesem musikalischen Zwischenstopp lädt sie ein echter Hillybilly zum Besuch auf seinem tierreichen Grundstück irgendwo mitten in der Pampa ein. Später geraten sie nach einer Reifenpanne an einen dubiosen Typen, der sich als Hells Angel ausgibt und ihnen Angst einjagt. Aber man kann nie sicher sein, ob diese Szenen zum Großteil nicht auch inszeniert wurden.  Nur ein Beispiel: der soeben genannte schwere Junge verrät ihnen, dass es mehrmals in Gefängnis war, bei einer Barschlägerei einen Mann getötet hat und jetzt auf der Flucht ist; dann holt er aus seinem Pickup ein verstecktes Marihuana-Päckchen hervor und will ihnen gegen freie Spende etwas vom Gras abgeben – und all das hat er demnach bereitwillig vor laufender Kamera gesagt und getan. Ist das wirklich realistisch?

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Das  unsichtbare Kamerateam

Die Wittmanns spielen gerne mit Klischees und hinterfragen den Sinn eines Roadmovies oder weisen bei einer nächtlichen Rast darauf hin, dass so ein Lagerfeuer im Film wesentlich schöner sei als in der stinkenden Realität. Wenn die beiden aber schon so transparent sein wollen und immer wieder Stilbrüche einbauen, hätte man doch auch das begleitende Kamerateam in die Handlung integrieren können - so wie das ihr Landsmann Walter Sedlmayr einst in seinen legendären Reisedokus getan hat. Stattdessen wird die Fiktion aufrechterhalten, dass die Brüder ganz allein in den Weiten der USA unterwegs sind, mit allen Widrigkeiten zu zweit fertig werden müssen und bloß für sich selber ein Doppelzelt aufbauen oder ein Lagerfeuer entfachen. Haben die Kameraleute etwa in einem Wohnwagen übernachtet oder im nächstgelegenen Motel eingecheckt? (Nur der Nachspann gewährt einen kurzen Blick hinter die Kulissen.)

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Ein Mix mit Schwächen

Gerade dieser Mix aus Spielhandlung und Doku wirkt oft etwas unausgegoren und ergibt kein befriedigendes Ganzes. Auch das Ende ist dann eher enttäuschend. Die Wittmanns kommen zwar in Las Vegas an und ihre Freude ist groß, doch warum es ausgerechnet diese Stadt sein musste, die sie als Traumziel nach Amerika gezogen hat, wird niemals deutlich. Las Vegas bleibt ein Name auf der Landkarte oder höchstens eine undeutliche Stadtkulisse, während die Brüder lachend und jubelnd einander in den Armen liegen. Ein Gesellschaftsbild von Amerika wird so gut wie gar nicht vermittelt und wir erhalten auch kaum Aufschlüsse darüber, was die Amerikaner so umtreibt oder was sie denken. Doch immerhin entschädigen schöne Landschaftsaufnahmen für manche Schwäche.

2 ½  von 5 Reißnägeln in Mopedreifen

 

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