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Filmkritik
04/15/2019

"Der Fall Collini": Mehr als nur ein Tatort

Zahme und zu vorhersehbare Verfilmung des gleichnamigen Romans von Ferdinand von Schirach.

von Erwin Schotzger

Caspar Leinen (Elyas M’Barek) ist neu in seiner Zunft. Gerade einmal drei Monate praktiziert er als Strafverteidiger. Da wird nicht lange nachgefragt, welcher Fall als Pflichtverteidiger übernommen wird. Daher stimmt er ohne Zögern der Verteidigung von Fabrizio Collini (Franco Nero) zu. Der alte, aus Italien stammende Mann hat ohne ersichtlichen Grund den deutschen Industriellen Jean-Baptiste Meyer (Manfred Zapatka) brutal ermordet und sich dann der Polizei gestellt. Über sein Motiv will der Täter nicht sprechen.

Bald muss der junge Rechtsanwalt jedoch mit Entsetzen feststellen, dass das Mordopfer der Großvater seiner Jugendliebe Johanna (Alexandra Maria Lara) ist. Für den vaterlos aufgewachsenen Halbtürken Caspar war Meyer ein Mentor. Er fährt sogar noch den alten Mercedes, den er von dem reichen Automobil-Liebhaber zum Studienabschluss geschenkt bekommen hat. Trotzdem übernimmt er die Verteidigung seines Mörders Collini. Beim Versuch das Motiv des alten Mannes zu verstehen, zeigt sich, dass nicht alles so ist wie es scheint. Bald steht Caspar Leinen vor der Frage, welche Rolle er bei diesem Fall spielen soll?

 

Ambitioniert, aber am Wesentlichen vorbei

"Der Fall Collini" ist ein Gerichtsdrama auf Basis des gleichnamigen Romans von Ferdinand von Schirach aus dem Jahr 2011. Der Roman dreht sich um die oft schmerzhaft zu Tage tretende Diskrepanz zwischen Recht und Gerechtigkeit anhand eines brutalen Mordfalles. Von Schirach erzählt nüchtern, aber spannend. Die Geschichte entfaltet sich stringent und ohne Schnörkel in Richtung einer überraschenden Wendung rund um das Motiv des Mörders.

Das kann man von "Der Fall Collini" im Kino nicht sagen. Regisseur Marco Kreuzpaintner liefert einen ambitionierten Film ab, der sich aber leider zu sehr mit den unwichtigen Dingen der Geschichte aufhält: Schöne Szenenbilder, einen coolen Anwalt-Typen, unnötige und auch nicht weiter vertiefte Nebenfiguren (eine italienisch sprechende BWL-Studentin, die Leinen in einer Pizzeria aufgabelt) sowie pathetische Inszenierung, um Emotion von der Stange zu erzeugen. Dadurch plätschert der Film dahin, wohl schön anzusehen, aber bis endlich etwas Bewegung in die Sache kommt, ist der Film schon fast wieder vorbei. Manchmal entsteht der Eindruck, dass Kreuzpaintner gerne ein imposantes US-Gerichtsdrama im Stil von "Eine Frage der Ehre" drehen wollte, mit Elyas M’Barek als seinem Tom Cruise.

 

Spannender Subtext bleibt zu zahm

M’Barek hätte wohl das Zeug dazu, aber auch er macht den Film letztlich nicht interessanter. Immerhin bringt der „Fack Ju Göhte“-Star in der Hauptrolle eine interessante Ebene ein, die im Buch gar nicht vorkommt: Der junge Rechtsanwalt Caspar Leinen (M’Barek) ist – anders als im Buch – Halbtürke. Dadurch erhält die Frage danach, wie es mit der Gerechtigkeit in Deutschland steht, einen zusätzlichen Subtext. So hätte das eigentliche Thema sogar entstaubt werden können, hätte eine brennende Aktualität erhalten. Zumindest von der Idee her. Doch leider gibt sich Kreuzpaintner damit zufrieden, die Geschichte sehr routiniert, in schönen Bildern, aber gänzlich ohne Überraschungen umzusetzen. Im Endeffekt werden beide Ebenen – die historische und die aktuelle – zu zahm abgehandelt. Ein wenig mehr Mut zur Provokation hätte nicht geschadet.

Aus der ambitionierten Literaturverfilmung ist daher leider nicht viel mehr als ein schön anzuschauender "besserer Tatort" geworden. Im Kino kann man aber mehr erwarten.