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Filmkritik
12/21/2018

"Der Junge muss an die frische Luft": Kindheit als Melancholie

Anders als der Trailer glauben macht, ist der Film über die Kindheit von Hape Kerkeling keine Komödie, sondern langatmig und voller Melancholie.

von Erwin Schotzger

Hape Kerkeling ist in Deutschland ein komödiantisches Urgestein. Wer hätte gedacht, dass der Comedian und Unterhaltungskünstler eine tragische, ja sogar beklemmende Kindheit hatte. Seine Vergangenheit, die ihn – wie jeden anderen Menschen auch - zu dem gemacht hat, was er ist, hat Kerkeling in dem Buch "Der Junge muss an die frische Luft" aufgearbeitet. In Deutschland ist das Buch zum Bestseller geworden. Durchaus möglich, dass es sich dabei um eine bewegende Biografie handelt. Der Film auf Basis der Buchvorlage ist es jedenfalls nicht!

Beklemmende Kindheit in den 70er-Jahren

Der kleine Hans-Peter wohnt mit seinen Eltern Margret und Heinz sowie seinem älteren Bruder Matthes zunächst bei Oma Bertha am Land, später dann bei Oma Anne und Opa Willi in Recklinghausen. Düstere Wolken ziehen in seiner Kindheit mit der zunehmenden Depression seiner Mutter auf. Der Vater ist meist unterwegs auf Montage, die Mutter zuhause überfordert. Der kleine Hans-Peter entwickelt ein Talent, seine Mutter zum Lachen zu bringen, scheitert aber letztlich daran sie zu retten.

Seichte Aufreihung von Impressionen

Regisseurin Caroline Link, die immerhin 2003 für "Nirgendwo in Afrika" den Oscar für den Besten fremdsprachigen Film bekam, inszeniert letztlich nur eine seichte Aneinanderreihung von Impressionen einer Kindheit in den 1970er-Jahren. Das liegt wohl nicht nur an der wenig strahlenden Besetzung, sondern vor allem an der fehlenden Erzählkraft des Drehbuches. Der Film plätschert in ständiger Melancholie dahin. Traurige und beklemmende Momente dominieren. Die wenigen lustigen Momente sind nicht wirklich komisch, sondern bringen bestenfalls jene zum Schmunzeln, die in den 70er-Jahren aufgewachsen sind.

Immerhin wird aber das Jahrzehnt (von der Ausstattung her) und das Milieu ganz gut dargestellt. Ein Déjà-vu lässt sich wohl nicht vermeiden, wenn die wohlwollende Oma in allem, was der Enkel macht, Glorreiches entdeckt und dem Kind bei jeder Gelegenheit eine steile Karriere prophezeit: "Aus dir wird einmal etwas Besonderes." Im Fall von Hape Kerkelin hatte die Oma recht. Aber der Film geht auf diese Entwicklung kaum ein. Es bleibt bei der bloßen Aneinanderreihung von Kindheitserinnerungen.

Familiendrama zündet nicht

Auch das Familiendrama bleibt platt und erzeugt kaum emotionale Anteilnahme. Weder die depressive Mutter noch ihren verzweifelten Sohn lernen wir wirklich kennen. Die Charaktere bleiben sehr schablonenhaft. Selbst der tragischste Moment des Films, als der kleine Hans-Peter die Nacht im Bett seiner an einer Überdosis Schlaftabletten sterbenden Mutter verbringt, bleibt nur eine flüchtige Impression. Die einzige Emotion, die der seltsame Film permanent transportiert, ist melancholisches Selbstmitleid, wenn der kleine Hans-Peter sich ständig selbst frägt: "Hätte ich mich mehr anstrengen sollen?"

Jugendfilm?

Für Betroffene mag eine Familienaufstellung höchst bewegend und involvierend sein. Für unbeteiligte Zuseher kann die Aufarbeitung der eigenen Geschichte aber schnell langweilig werden. Zumindest, wenn diese Geschichte dramaturgisch so seicht aufbereitet wird wie hier. Fraglich auch, was dem Film in Österreich das Prädikat "besonders wertvoll" beschert hat. Reicht dafür schon ein tragischer Grundtenor beim Thema des Films? 

Und übrigens: Wer hatte die glorreiche Idee, diesen Film als "Jugendfilm" zu vermarkten und zu Weihnachten ins Kino zu bringen? Anders als der Trailer glauben macht, ist "Der Junge muss an die frische Luft" ein langatmiger Film voll Melancholie. Und mit Weihnachtsstimmung ist danach wohl auch Schluss.