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Filmkritik
02/18/2019

" Der verlorene Sohn": Therapie für Homosexuelle

Joel Edgertons zweite Regiearbeit bleibt trotz Top-Besetzung unter den Erwartungen.

von Oezguer Anil

Der neunzehnjährige Jared Eamons (Lucas Hedges) lebt mit seinen Eltern in einer Vorstadtidylle in Arkansas. Als er erkennt, dass er homosexuell ist, stellt sich seine heile Welt auf den Kopf. Lange versucht er seine sexuelle Neigung vor seinen streng religiösen Eltern geheim zu halten. Nachdem ihn ein Collegefreund gegen seinen Willen outet, brechen seine Eltern in Verzweiflung aus. Sie stellen ihn vor die Wahl: entweder er unterzieht sich einer Therapie, die ihn "heilen" soll oder er muss die Familie verlassen.

Psychische Folter

Der verlorene Sohn“ basiert auf den Memoiren von Garrard Conley. Die Autobiografie wurde zu einem internationalen Bestseller und konzentriert sich auf die zweiwöchige Therapie im „Love and Action“ Zentrum. In dieser vermeintlich medizinischen Institution wird versucht, die Homosexualität aus den Teilnehmern herauszubekommen, dabei greifen die unausgebildeten Therapeuten zu physischen und psychischen Foltermethoden. Die größtenteils jugendlichen Besucher werden vor der Gruppe bloßgestellt und müssen intime Gedanken mit den anderen teilen.

Keine Oscars

Regie führte der Australier Joel Edgerton, der auch eine Nebenrolle als cholerischer Therapeut übernahm. Das ungleiche Elternpaar wird von Nicole Kidman und Russel Crowe verkörpert. Für seine tiefgründige Darstellung von Jared erhielt Lucas Hedges eine Golden Globe Nominierung. Bei den Oscars ist das Drama jedoch nicht vertreten. Die hohen Erwartungen für eine Nominierung Kidmans als beste Nebendarstellerin blieben unerfüllt.

Verwirrend

Die Handlung des Dramas verwässert sich durch zu viele Ort und Zeitsprünge, dadurch verliert man stellenweise die Orientierung über den Ablauf der Geschichte. Es werden Nebenfiguren eingeführt, deren Sinnhaftigkeit einem bis zum Schluss nicht ersichtlich wird. Erst das letzte Viertel der Erzählung packt einen. Man wünscht sich, die Handlung hätte viel später im Leben der Figur angesetzt und würde uns noch die Konsequenzen der grauenhaften Therapie zeigen, doch leider bleibt dieser Wunsch unerfüllt.

Traditionsbruch

Die großartigen schauspielerischen Leistungen in „Der verlorene Sohn“ verlieren leider durch die unstrukturierte Erzählweise ihre Kraft. Bis man herausfindet, wann und wo wir uns in der Handlung befinden, ist die Hälfte des Films schon vorbei; schade, denn Edgertons Regiearbeit hätte in die Fußstapfen von „Moonlight“ und „Call me by your name“ treten können.