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Filmkritik
11/05/2019

"Ich war zuhause, aber": Abstraktes Familienporträt

Das komplexe Familienporträt von Angela Schanelec feiert seine Premiere auf der Berlinale.

von Oezguer Anil

Nachdem er eine Woche spurlos verschwunden war, taucht der 13 jährige Philipp (Jakob Lassalle) wieder auf. Wir erfahren weder, warum er weg war, noch wo er sich aufgehalten hat. Seine Mutter Astrid (Maren Eggert) kümmert sich seit dem Tod ihres Ehemannes alleine um ihn und seine kleine Schwester Flo. Die Rückkehr ihres Sohnes eröffnet ihr einen neuen Blick auf die Gesellschaft und sie beginnt ihre Umwelt immer mehr in Frage zu stellen.

Schwere Kost

Angela Schanelec erhielt für ihre Arbeit auf der diesjährigen Berlinale den Preis für die beste Regie. Die deutsche Regisseurin ist bekannt für ihre langsamen und schwer zugänglichen Filme, auch „Ich war zuhause, aber...“ reiht sich nahtlos in ihre Filmografie ein. Ihr Stil kennzeichnet sich durch lange starre Kameraeinstellungen und selbstreferenzielle Dialoge, in denen nicht nur ein Diskurs über den Inhalt einer Szene angestoßen, sondern der Film selber zum Thema wird.

Innovativ

Das Drama arbeitet weder mit klassischen Erzählelementen noch mit einem konventionellen Spannungsaufbau, sondern führt den Zuseher behutsam von einer Situation in die nächste, die am Schluss in ihrer Gesamtheit ein Mosaik einer widersprüchlichen Welt ergeben. Die Figuren müssen hier keine Aufgabe lösen, geschweige denn sich gegen einen Antagonisten auflehnen, sondern werden in alltäglichen Situationen gezeigt, in denen sich jeder wieder finden kann - und genau das ist das Radikale an Schanelecs Arbeit. Sie konzentriert sich auf Momente, die man sonst nicht auf der Leinwand sieht und denen man auch im Alltag keine große Bedeutung einräumt.

Kühl

Die Viennale würdigte das Gesamtwerk der Regisseurin im Rahmen einer Monografie. In einer bereits über 20 Jahre andauernden Karriere hat sie es geschafft, sich eine unverwechselbare künstlerische Haltung zu bewahren, ohne sich vom kommerziellen Filmgeschäft verbiegen zu lassen -  eine Rarität im heutigen deutschen Kino. „Ich war zuhause, aber“ ist ein beklemmendes Familiendrama, das den Zuseher leider zu oft mit seinen Gedanken und Emotionen alleine lässt.

Einer alleinerziehenden Frau fällt es immer schwerer zu akzeptieren, dass ihr 13jähriger Sohn ein eigenes Leben führt.