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© Netflix

Serienkritik
05/25/2020

"Im Sumpf": Ein böser Wald im kommunistischen Polen

Eine düstere Netflix-Serie aus Polen: Zwei Leichen in einem Waldstück veranlassen zwei sehr unterschiedliche Journalisten, Nachforschungen anzustellen.

von Franco Schedl

In aller Morgenfrüh stolpert ein etwas schwerfälliges Mädchen im sumpfigen Waldstück am Rand einer polnischen Kleinstadt über zwei Leichen: neben einem Auto liegen eine junge Frau und ein älterer Mann mit durchschnittenen Kehlen. Die verschüttete Milch mischt sich mit Blut. Bald stellt sich heraus, dass es sich bei dem Toten um einen angesehenen örtlichen Funktionär handelt; die Frau war hingegen eine Prostituierte. Die Polizei präsentiert umgehend einen Täter: der Freund der Ermordeten soll aus Eifersucht zum Messer gegriffen haben. Somit wäre alles geklärt; doch da gibt es auch Zweifel. Vor allem der junge idealistische Journalist Piotr (Dawid Ogrodnik) stößt auf immer mehr Ungereimtheiten. Der talentierte Junge hat sich mit seiner hochschwangeren Frau absichtlich in diese ruhige Umgebung versetzen lassen, weil er dem Einfluss seines mächtigen Vaters, der in Krakau ein hoher Parteiangehöriger ist, entkommen wollte.

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Gefährliche Nachforschungen

Durch seine privaten Nachforschungen ist es mit der Ruhe aber bald vorbei - Piotr begibt sich in immer größere Gefahr und setzt mit der besessenen Wahrheitssuche auch seine Ehe aufs Spiel. Unterstützung findet er bei seinem alten desillusionierten Kollegen Witold (Andrzej Seweryn). Der plant zwar, das Land bald Richtung Westberlin zu verlassen, weil er dort eine Malerin sucht, die er von früher kennt, doch bis es so weit ist, muss er nicht nur Piotr beistehen, sondern versucht zugleich auch die Hintergründe einer weiteren Tragödie zu klären: weshalb hat ein junges Paar Selbstmord begangen? Oder sind die beiden vielleicht gar nicht freiwillig vom Dach eines Hochhauses gesprungen? Hat jemand nachgeholfen?  In diesem Fall wird die Handlung immer wieder von Rückblenden unterbrochen; wir erleben mit, wie die beiden jungen Menschen ihre letzten Tage verbringen und allmählich wird deutlich, dass alle Todesfälle in gewisser Weise miteinander in Beziehung stehen.

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Ein Wald mit Vergangenheit

Wir befinden uns übrigens in den frühen 80er Jahren und die Serie fängt die desillusionierende Stimmung in dieser Endzeit des Kommunismus erschreckend realistisch ein: Überwachung, Bedrückung, Bedrohung und Furcht herrschen vor; Lebensträume und -pläne werden enttäuscht und verlaufen im Sand. Es ist nicht weiter verwunderlich, dass man in einer derart tristen Umgebung mit verfallenden Plattenbauten keine Chancen auf Selbstverwirklichung hat. Neben der Stadt gibt es aber auch noch die Natur und gerade dieser düsterer Waldlandschaft mit ihren kahlen knorrigen Bäumen und von braunem Laub bedeckten Böden kommt in der Netflix-Serie eine zentrale Bedeutung zu, wie bereits der Vorspann verdeutlicht: wir sehen eine weißhaarige Alte mit gesenktem Kopf in dem Wald stehen, während sich allerlei Gewürm über den Boden schlängelt und schließlich den Titelschriftzug „Rojst“ der Serie bildet - was auf Polnisch eigentlich Feuchtgebiet heißt. Einprägsame Naturaufnahmen kehren immer wieder und die Landschaft wirkt wie ein unheimlicher Märchenwald, der böse Geheimnisse birgt. Mit dieser Ahnung liegt man gar nicht so falsch, denn für den alten Journalisten spielt zugleich die Vergangenheit eine wichtige Rolle: kurz nach dem Zweiten Weltkrieg ist es in dem Wald zu schlimmen Vorfällen gekommen und es hat Tote gegeben.  

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Düster und authentisch

Obwohl die Serie nur fünf Folgen zu je 45 Minuten umfasst, wird die Geschichte sehr ausführlich erzählt und überraschende Entwicklungen sind bis zuletzt garantiert, weil sich jederzeit neue Spuren und Verdächtigungen ergeben. „Im Sumpf“ ist natürlich auch in übertragener Bedeutung zu verstehen ist: ein Sumpf aus Korruption und Machtmissbrauch tut sich vor uns auf. Man kann die Wahrheit vertuschen und im Bedarfsfall neue Schuldige präsentieren, während die eigentlichen Täter im Dunklen bleiben. Die polnische Netflix-Produktion wurde absolut authentisch, glaubwürdig und sehr anspruchsvoll inszeniert, wobei die Handlung manchmal auch ins Irrationale umschlägt. Zwei hintereinander angeordnete Viadukte am Beginn des Waldes wirken wie Eingänge zur Unterwelt und gerade zum Höhepunkt scheinen all die toten Seelen aus dem Wald selber einzugreifen, um eine Entscheidung herbeizuführen. Einige Geheimnisse bleiben zudem gewahrt: so bekommen wir nie die Reproduktion eines bedeutsamen Gemäldes zu sehen, doch in der allerletzten Szene können wir zumindest ahnen, welches Bild uns vorenthalten wurde. 

4 ½ von 5 dunklen Waldbächen.