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© Guy Ferrandis

Filmkritik
02/03/2020

"J'accuse – Intrige": Historischer Politskandal in Thrillerform

Roman Polanski auf der Höhe seiner Kunst: er rekonstruiert einen der größten Skandale des 19. Jahrhunderts.

von Franco Schedl

Im Jahr 1895 wurde der französische Hauptmann Alfred Dreyfus wegen angeblichen Landesverrats degradiert und lebenslänglich auf die Teufelsinsel in Französisch Guayana verbannt. Damit nahm einer der größten Politskandale des 19. Jahrhunderts seinen Ausgang, denn Dreyfus war unschuldig und die Verurteilung aus antisemitischen Gründen erfolgt. Einzig der berühmte Schriftsteller Émile Zola hatte den Mut, gegen dieses Fehlurteil öffentlich zu protestieren und seine Anklageschrift unter dem Titel „J’Accuse“ ist weltbekannt geworden.  

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Machtmissbrauch, Intrigen, Korruption

Roman Polanskis Historien-Krimi erzählt nun nach dem Bestseller von Robert Harris eine hochspannende und sehr aktuelle Geschichte, da Antisemitismus und Machtmissbrauch auch heute noch leider viel zu oft auftreten. Bei ihm steht der historisch verbürgte Offizier und Geheimdienstmitarbeiter Marie-Georges Picquart (Jean Dujardin) im Mittelpunkt: zunächst hält er Dreyfus (Louis Garrel) ebenfalls für einen Spion, doch als nach dessen Verbannung weiterhin militärische Geheimnisse an die Deutschen durchsickern, kommen ihm Zweifel und er beginnt auf eigene Faust mit seinen Ermittlungen. Dabei entdeckt er ein Geflecht aus Macht, Intrigen, Korruption und gerät in Gefahr, selber ein ähnliches Schicksal wie Dreyfus zu erleiden, weil seine Vorgesetzten von der Wahrheit nichts wissen wollen, um das Gesicht der Armee zu wahren.

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Spannung und stimmige Details

Mit gewohnter Liebe zum Detail inszeniert Polanski einen echten Politthriller und treibt das Geschehen unter stetigem Spannungsaufbau konsequent voran. Die meiste Zeit befinden wir uns in Innenräumen, die Handlung wird vor allem durch Gespräche dominiert und Gerichtsverhandlungen spielen ebenfalls eine wichtige Rolle. Gegen Ende wird es dann immer dramatischer und es kommt sogar zu einer Duellszene oder einem Mordanschlag. Eine öffentliche Bücherverbrennung, antijüdische Hassparolen und eingeschlagene Fensterscheiben erzeugen zudem Pogromstimmung und deuten als infernalische Vorzeichen auf eine düstere Zukunft hin.

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Brief- + Historien-Puzzle

Der Komödiant Dujardin erweist sich hier als absolut ernster Schauspieler, doch bei aller Tragik entbehrt der Film auch witziger Züge nicht. Die Spionageabwehr der damaligen Zeit wirkt nämlich eher kabarettreif: in einem verfallenden alten Palais untergebracht, zeichnet sich die verschlafene Truppe durch eine Vorliebe fürs Kartenspiel aus. Zumindest ein aufgeweckter Mitarbeiter ist darunter und setzt Briefschnipsel, die aus Papierkörben gestohlen wurden, wieder zu lesbaren Texten zusammen. Als Verfasser eines dieser rekonstruierten Blätter wird dann Dreyfus namhaft gemacht, und der überhebliche Schriftsachverständige Alphonse Bertillon blamiert sich mit seinem Gutachten. Auch in Polankis Historien-Puzzle fügen sich alle Teile perfekt ineinander und sein Film nötigt uns unverfälschte Hochachtung ab.

4 1/2 von 5 zerbrochenen Offizierssäbeln

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