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© Netflix

Serienreview
08/17/2020

Netflix-Geheimtipp "Black Spot": Twin Peaks auf Französisch

Diese viel zu wenig bekannte französische Mystery-Serie hat das Zeug, zum echten Kult zu werden.

von Franco Schedl

Also irgendetwas scheint da nicht zu stimmen… Alle Personen, mit denen ich über diese Serie sprechen wollte, haben noch nie etwas davon gehört. Vielleicht kenne ich ja bloß die falschen Leute. Aber ich habe den Verdacht, dass diese französische Netflix-Produktion bei uns längst nicht die gebührende Aufmerksamkeit gefunden hat; dabei hätte sie das Zeug, zur Kultserie zu werden. Nicht bloß Waldläufer und Einsamkeitsfanatiker müssten sie lieben. Immerhin hat sie so viele unwahrscheinlich gelungene Momente zu bieten.  Die Bestandteile sind: ein großer Wald, ein Sägewerk, eine Bar, in der immer die ganze Ortschaft zusammenkommt, viele Geheimnisse, machthungrige Intriganten, ein verschwundenes Mädchen und etliche Tote. Wenn das nicht an "Twin Peaks" erinnert! Trotzdem hat die Serie genügend Eigenständiges zu bieten.

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Schrullige Figuren

Eine der Hauptfiguren ist ein skurriler Staatsanwalt (Laurent Capelluto), der an jeder nur erdenklichen Allergie leidet. Weil er einen früheren Job verbockt hat, wird er nun in eine abgelegene waldreiche Region versetzt, wo der Mobilempfang sehr schecht ist (dhaer der Serientitel), aber die Mordrate erschreckend hoch liegt. Die Ortschaft Villefranche ist ein Grenzstädtchen, doch wir erhalten niemals genaue geografische Auskünfte darüber (zumindest ist bekannt, dass in den Vogesen gedreht wurde). Eine eigenwillige Ermittlerin namens Laurène Weiss (Suliane Brahim) leitet die örtliche Polizeistation und wird dabei von nicht minder schrulligen Kolleginnen unterstützt. Außerdem gibt es einen zwielichtigen Bürgermeister, der ganz unter dem Einfluss seines Vaters steht. Dieser skrupellose Riese mit weißem Bart ist machtversessen darauf aus, im Hintergrund die Fäden zu ziehen. Er hat die Finger in illegalen Geschäften, schreckt vor keiner Gewaltanwendung zurück und setzt ganz auf seine kriminellen Handlanger. Außerdem hat er einen Herzschrittmacher (was in einer Gegend, in der technische Geräte nicht gut funktionieren, doch ein gewisses Risiko darstellt).

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Waldmensch mit Geweih

Auch die mythologischen Einflüsse sind hier nicht zu unterschätzen. So flattern immer wieder zwei Raben durchs Bild, um anzukündigen, dass gleich ein weiteres tragisches Ereignis bevorsteht. Sie lassen an die beiden Lieblingstiere von Gott Odin denken. Ein Geheimbund junger Umweltschützer – eine Art militantes Green Peace - hat sich nach der gallischen Waldgottheit ‚Arduinna’ benannt und kämpft gegen die Machenschaften des Bürgermeisterklans, um die Natur vor einer illegalen Sondermülldeponie zu retten. Ganz zu schweigen von einem geheimnisvollen Waldmenschen, der ein Geweih trägt und offenbar seit Jahrzehnten in der Gegen von Villefranche lebt. Wir können darüber rätseln, ob es ein realer Mensch ist oder die Verkörperung des Waldes selbst.

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Surrealistische Settings

Bisher gibt es zwei Staffeln (2017 + 1019) mit je 8 Folgen zu jeweils 50 Minuten. Pro Folge wird tatsächlich immer ein mysteriöser Kriminalfall gelöst, bei dem man zunächst nie sicher sein kann, ob nicht übersinnliche Einflüsse dahinterstecken, doch dann findet alles eine rationale Erklärung. Die Settings sind meistens bizarr und geradezu surrealistisch: So steht zum Beispiel im tiefsten Wald ein mit Baumschwämmen bedecktes Klavier herum, auf dem eine blinde Pianistin regelmäßig spielt, während ihr zuhörender Freund daneben in einem Polstersessel sitzt (und dann wird er bei dieser Gelegenheit erschossen, ohne dass die Frau etwas bemerkt).

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Einzelfälle und großer Handlungsbogen

Trotzdem verzettelt sich die Serie aber nicht in Details, sondern behält einen großen Handlungsbogen bei, und die Hauptgeschichte wird immer weitergeführt. Die erste Staffel steht etwa ganz im Zeichen eines verschwundenen Mädchens - es bleibt bis zuletzt offen, was mit der Tochter des Bürgermeisters passiert sein könnte. Und die ungewöhnliche Polizistin Laurène Weiss hat die ganze Zeit über mit den Geistern der Vergangenheit zu kämpfen: Sie versucht manisch herauszufinden, wer sie vor 20 Jahren im Wald entführt und angekettet hat. Sie konnte damals nur unter großem persönlichem Opfer entkommen (seither fehlen ihr zwei Finger). In der zweiten Staffel wird dann diese Hauptgeschichte noch viel konsequenter weitergeführt.

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Bezwingender Stilmix

 'Black Spot' - im Original 'Zone Blanche' - weist also zunächst Krimielemente auf, erinnert an einen Mysterythriller, hat zugleich auch Horror zu bieten, schwingt sich mitunter zu komödiantischen Höhen auf, bleibt jederzeit extrem spannend, garantiert völlig unerwartete Wendungen und spielt immer wieder mit Genres: Eine Folge kommt zum Beispiel wie ein wasch- oder waldechter Western daher. Zum Glück gibt es noch genügend offene Fragen, die eine dritte Staffel rechtfertigen würden.

5 von 5 giftigen Waldsumpfgewächsen

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