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© The Walt Disney Company

Filmkritik
03/04/2020

"Onward - Keine halben Sachen": Der Unterleib des toten Elfen-Vaters ist nicht genug

In dieser magischen neuen Pixar-Produktion bekommen es zwei Elfenbrüder mit ihrem halben Vater zu tun.

von Franco Schedl

Wo ist sie hin, die ganze Magie, von der die Welt einstmals erfüllt war? Wenigstens ein bisschen davon müsste sich doch noch finden lassen. Solche Fragen stellen sich im neuen Pixar-Film ausgerechnet zwei halbwüchsige Elfen-Brüder, deren Existenz für rationale Menschen ja schon magisch genug anmutet. Noch dazu leben Ian und Barley in der Kleinstadt New Mushroom, wo es vor Riesen, Zwergen, Müll fressenden Einhörnern und Minidrachen als Haustieren nur so wimmelt – aber zauber-haft finden sie das alles trotzdem nicht; vor allem der bullige Kraftlackel Barley sehnt sich zurück nach alten Zeiten, als tatsächlich noch etwas Magisches in der Luft gelegen hat.

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Ein Unterleib für 24 Stunden

Doch an Ians 16. Geburtstag erhalten sie ein Geschenk ihres verstorbenen Vaters:  einen Stock, der es in sich hat, denn mit seiner Hilfe sollen sie den Papa wieder herbeizaubern können. Das klingt eher unheimlich und es wird noch makabrer, denn der Zauber funktioniert nur zur Hälfte, weshalb sie nun ihren Vater bloß von den Füßen bis zur Hüfte zurückgeholt haben (wodurch zugleich der deutsche Nebentitel des Films erklärt wäre). Damit sich auch noch der restliche Körper materialisieren kann, sind einige Anstrengungen erforderlich und die beiden Elfen-Brüder brechen mit dem in einer Hose steckenden Unterleib zu einer echten Abenteuerreise auf. Noch dazu drängt die Zeit, denn die Rückholung des Vaters ist auf 24 Stunden begrenzt – nach Verlauf dieser Frist wird er wieder verschwinden. Während der etwas älterer Barley zumindest eine Erinnerung an den Vater hat, konnte Ian seinen Dad nie kennenlernen, deshalb ist ihm die Komplettierung des Körpers ein besonderes Anliegen. Im Verlauf der folgenden Stunden verwandelt sich der schüchterne Junge unter Anleitung seines rollenspielerfahrenen Bruders immer mehr in einen zweiten Harry Potter, der mit Zauberstab und passendem Spruch wahre Wunder vollbringt, Hindernisse aus dem Weg räumt, über einen Abgrund geht oder gegen einen Steindrachen kämpft. Doch die größte Überraschung erwartet sie erst nach Überwindung aller Schwierigkeiten – die weite Reise endet in einer sehr vertrauten Umgebung und offenbart Ian eine Wahrheit, die eigentlich die ganze Zeit vor seinen Augen gelegen hat.  

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Vergessene Magie

Die Idee, eine typische amerikanische Kleinstadt mit Fabelwesen zu bevölkern, erweist sich als äußerst fruchtbar. Die Technisierung hat all das alte Wissen und Können verdrängt (der Beginn des Übels ist mit Erfindung der Elektrizität anzusetzen, wie uns der Film gleich zu Beginn verrät).  Es gibt zwar noch einen Zentauren, doch der arbeitet als Polizist und zwängt seinen Pferdeleib lieber in einen Streifenwagen, als sich auf seine eigenen vier Hufe zu verlassen; kleine geflügelte Elfen haben verlernt zu fliegen und treten als Motorradrocker auf; und ein Mischwesen aus Löwe und Skorpion (mit Octavia Spencers Stimme) arbeitet in einem Restaurant als Mädchen für alles, obwohl dieser sogenannte Mantikor einst eine furchteinflößende Kriegerin gewesen ist.

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Neue Verzauberung

Doch sobald erst ein bisschen an der Oberfläche dieser Modernität gekratzt wurde, treten plötzlich wieder verschüttete Kräfte zutage. Das Wiederaufleben der Mythologie in einer fast gänzlich entzauberten Welt und die Selbstfindung eines ängstlichen Teenagers ergänzen hier einander aufs Überraschendste. Pixar hat es nämlich noch immer nicht verlernt, tiefsinnige Geschichten zu erzählen, die gleichermaßen zu Herzen gehen und bestens unterhalten.  Wie die beiden Brüder bloß über Fußberührungen mit dem halben Vater kommunizieren und einmal sogar mit ihm tanzen, ist sicher eines der ungewöhnlichsten und zugleich berührendsten Bilder, das dieses Kinojahr für uns bereithält.

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