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Filmkritik
12/09/2019

„Porträt einer jungen Frau in Flammen“: Küsse im Königinnenhaus

Das französische Historiendrama gehört zu den gefeiertsten Filmen des Jahres.

von Oezguer Anil

Bretagne 1770: Auf Einladung einer italienischen Gräfin reist die junge Malerin Marianne (Noémie Merlant) auf eine abgelegene Insel an der französischen Küste. Sie wird damit beauftragt ein Porträt der Tochter der verwitweten Gräfin zu malen, das ein Teil der Mitgift für ihre bevorstehende Ehe mit einem adeligen Mailender sein soll. Da Heloise (Adèle Haenel) nicht gemalt werden will und bereits zahlreiche Maler aus ihrem Anwesen vertrieben hat, wird ihr Marianne als eine neue Bekannte vorgestellt. Die schüchterne Malerin beobachtet ihr Modell genau und fertigt ihr Gemälde nachts aus ihren Erinnerungen an Heloise an.

Mehr als nur politisch

Porträt einer jungen Frau in Flammen“ ist ein klaustrophobisches Kammerspiel zwischen zwei Frauen, die sich gegen die gesellschaftlichen Konventionen ihrer Zeit auflehnen. Ihr Widerstand äußert sich nicht in platten Schlachtrufen und ungezügelter Wut, sondern in Blicken und Berührungen, die einem die Angst vor der Verführung offenbaren. Mit ihrem erfrischenden Zugang zu einer weiblichen Künstlerin sprengt Regisseurin und Drehbuchautorin Celine Sciamma die veraltete Narration des männlichen Genies und seiner Muße. Obwohl das Historiendrama Geschlechterkonventionen hinterfragt, indem es Klischees aufbricht, wäre es falsch, die Qualität dieses Filmes auf seine politische Brisanz zu reduzieren.

Routiniert

Celine Sciamma inszeniert einen handwerklich nahezu perfekten Film, für den sie in Cannes mit dem Preis für das beste Drehbuch ausgezeichnet wurde. Das Drehbuch ist hier aber nicht der einzige Höhepunkt. Die Regisseurin schafft es mit ihrem unaufdringlichen Rhythmusgefühl immer wieder den Zuseher zu überraschen. Jeder Schnitt ist wohlüberlegt und jede Kamerabewegung elegant an den Bildinhalt gekoppelt, eine beachtlich routinierte Leistung von der 41jährigen Filmemacherin.

Talentiertes Duo

Neben der makellosen Inszenierung kann „Porträt einer jungen Frau in Flammen“ auch durch zwei fantastische Hauptdarstellerinnen punkten. Adèle Haenel hat sich mit ihrer ambivalenten Mimik in den letzten Jahren zu einem der größten Stars in Frankreich entwickelt. Die erst 30jährige Darstellerin arbeitet schon mit Regisseuren wie den Dardenne-Brüdern, Quentin Dupieux, Andre Techine und Robin Campillo zusammen. Hier spielt sie eine undurchschaubare Adelige, die sich versucht, von ihrer Umwelt abzuschotten. Ihr gegenüber steht Noémie Merlant, die nicht nur optisch perfekt ins filmische Ambiente passt, sondern auch mit ihren genauen Blicken ins Auge sticht.

Geheimnisvoll

Porträt einer jungen Frau in Flammen“ beschäftigt sich mit den großen Fragen der Kunst und rückt sie in das Zentrum einer intimen Beziehung, in der sich die Liebenden ihren verborgenen Geheimnissen stellen müssen. Ein Porträt, das weit mehr ist als nur ein Abbild.