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Filmkritik
10/30/2019

"Und der Zukunft zugewandt": Lügen aus Selbstschutz

Das deutsche Historiendrama bleibt trotz der spannenden Prämisse leider unter den Erwartungen.

von Oezguer Anil

Zehn Jahre saß Antonia Berger (Alexandra Maria Lara) unschuldig in einem sibirischen Straflager fest. Nach ihrer Begnadigung wird sie mit ihrer kranken Tochter nach Fürstenberg gebracht, wo sie Arbeit, medizinische Versorgung und eine eigene Wohnung bekommt. Die geschundene Mutter kann ihr Glück nicht fassen und blickt hoffnungsvoll in ihre neue Zukunft. Die Erlebnisse im Straflager haben sie geprägt, doch das Propagandaministerium verbietet ihr darüber zu sprechen. Ihr Lebenslauf wird aufpoliert und Antonia wird gezwungen, die Abgründe eines maroden Systems zu verschweigen.

Große Themen

Regisseur und Autor Bernd Böhlich schafft es, eine spannende Ausgangssituation zu kreieren. Die Hauptfigur steht vor moralischen Dilemmata, die nicht nur viel über die damalige politische Lage sondern auch über menschliche Schutzmechanismen erzählen. Antonia ist hin und hergerissen zwischen ihrem Gerechtigkeitssinn und ihrer Verantwortung als Mutter. Trotz der Bandbreite an vielen spannenden Themen will der Historienfilm nicht so richtig in Gang kommen. Das hat vor allem mit der Unglaubwürdigkeit im Schicksal der Hauptfigur zu tun.

Unglaubwürdig

Für den ersten Landwirtschaftskongress, an dem hohe Parteifunktionäre teilnehmen, soll ein Kulturprogramm zusammengestellt werden. Die Verantwortlichen sind darauf bedacht, dass der Abend ein voller Erfolg wird und ausgerechnet in dieser angespannten Stimmung wird Antonia Berger als leitende Kulturbeauftragte für diese Veranstaltung eingesetzt. Dass Jemand, der von einem System 10 Jahre lang eingesperrt wurde, direkt nach der Freilassung so einen wichtigen Posten erhält, kann uns Bernd Böhlich auch trotz all seiner Bemühungen nicht glaubhaft machen. Es wird eine vollkommen unlogische Situation kreiert, die als Grundlage für weitere Spannungen dient.

Ernüchternd

Um diese Logiklücke zu vergessen, gibt es glücklicherweise eine großartige Hauptdarstellerin und zahlreiche Musikeinsätze aus der Feder des jungen Komponisten Sebastian Schmidt. Doch auch diese beiden Talente reichen nicht aus, um die Inkonsequenz der Regiearbeit zu kaschieren. Die Kamera wechselt unmotiviert von avantgardistischen Wacklern mit schnellen Schwenks zu klassischen Bildern, die jegliche Reflexion über den Inhalt des gezeigten vermissen lassen. Die zahlreichen kleinen Fehler in der Inszenierung münden schließlich in einen absolut unglaubwürdigen Höhepunkt, bei dem man sich nur an den Kopf greifen kann.

Logiklücken

Leider bleibt hier aus einer erstklassigen Idee ein unterdurchschnittliches Drama übrig, bei dem man wohl mehr als nur ein Auge zudrücken muss, um die knapp zwei Stunden Laufzeit durchzustehen.

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