© Anika Molnar/Netflix

Serienkritik
04/14/2020

"Unorthodox": Flucht in die Vergangenheit auf Netflix

Die neue Netflix-Serie über den Aufbruch religiöser Werte stößt auf gespaltene Reaktionen.

von Oezguer Anil

In vier knapp einstündigen Folgen erzählt „Unorthodox“ das Leben und die Flucht der 19jährigen Esty Shapiro aus einer ultraorthodoxen jüdischen Community im New Yorker Stadtteil Brooklyn. Die Handlung setzt sich aus zwei Zeitebenen zusammen. In einer steht Esty kurz vor ihrer Heirat mit Yakov, den sie zwar kaum kennt, den ihre Gemeinschaft sich jedoch für sie ausgesucht hat. In der anderen Zeitebene sehen wir, dass die junge Frau aufgrund ihrer unglücklichen Ehe nach Berlin flüchtet. Als ihr Verschwinden bemerkt wird, setzen sich ihr schüchterner Ehemann und dessen impulsiver Cousin in ein Flugzeug, um die Abtrünnige zurück an den Ort zu bringen, wo sie ihrer Meinung nach hingehört.

Religion

Estys Kindheit und Jugend ist von Einsamkeit und Isolation geprägt. Auch wenn sie immer Menschen um sich hat, finden ihre kritischen Gedanken kein Gehör in der konservativen Gemeinde, wodurch sie gezwungen ist, dem für sie auserwählten Rollenbild zu entsprechen. Um dem Ideal einer perfekten Frau zu entsprechen, wird von ihr erwartet, zahlreiche Kinder in die Welt zu setzen. Durch die Qualen bei den ersten sexuellen Erfahrungen, beginnt sie die moralischen Regeln ihrer Community zu hinterfragen und sich gegen die patriarchalen Strukturen aufzulehnen.

Juden in Berlin

In Berlin entdeckt Esty eine völlig neue Welt, die von Diversität und Freiheit geprägt ist. Sie wird herzlich in eine Gruppe von multikulturellen Musikstudierenden aufgenommen und versucht Schritt für Schritt, ihr altes Leben hinter sich zu lassen. Sie entdeckt ihre Leidenschaft zur Musik wieder und blickt hoffnungsvoll in eine selbstbestimmte Zukunft. Als sie jedoch erfährt, dass ihr Mann und dessen Cousin ihr auf den Spuren sind, nimmt ihr Schicksal eine dramatische Wendung.

Randgruppe

„Unorthodox“ ist mit einer gewissen Vorsicht zu genießen. Man sollte sich hier immer wieder ins Gedächtnis rufen, dass die gezeigten chassidisch-ultraorthodoxen Juden durch ihre geringe Anzahl in keiner Weise repräsentativ für die Anhänger des Judentums sind und dass solche extremen Gruppierungen in jeder Religion existieren. Das idealisierte Bild von Berlin, in dem paradiesische Zustände zu herrschen scheinen, hinterlässt im Hinblick auf steigende antisemitische Übergriffe ebenfalls einen bitteren Beigeschmack. 

Jiddisch

Die Serie basiert auf der gleichnamigen Autobiographie von Debora Feldman, die inzwischen als Autorin in Berlin lebt. Der Handlungsstrang in der hippen Hauptstadt ist jedoch fiktiv. Abgesehen von dem spezifischen Millieu zeichnet sich „Unorthodox“ vor allem durch die jiddische Sprache aus, einer Mischung aus mittelalterlichem Deutsch, Hebräisch und Polnisch. Grundsätzlich wurde bei der Umsetzung viel Wert auf Authentizität gelegt, so dass man als Laie keine Sekunde an der Glaubwürdigkeit des Szenen- und Kostümbildes zweifelt. Obwohl ein großer Teil der Handlung in New York spielt, wurde mit Ausnahme von einigen wenigen Außenaufnahmen, ausschließlich in Berlin gedreht.

Kontraste

Die Hauptrolle ist mit Shira Haas großartig besetzt. Die israelische Darstellerin wirkt mit ihren 152cm Körpergröße extrem kindlich aber konterkariert ihre Physis mit einem ausdruckstarken Gesicht, dass jede Nuance ihres Innenlebens wiederspiegelt. Obwohl Amit Rahav nicht besonders Glück mit seiner eindimensional geschriebenen Rolle des frustrierten Ehemanns hatte, holt er dennoch das Beste aus der Figur heraus.

Logiklücken

Die größte Schwäche an „Unorthodox“ ist das unausgereifte Drehbuch. Komplexe Verstrickungen werden oft zu einfach aufgelöst und die Botschaften, die man transportieren möchte, allzu offensichtlich hervorgehoben. Nebenfiguren verkommen zu Klischees und der Spannungsaufbau wirkt zu konstruiert, weshalb vor allem in der letzten Folge die Handlung in sich zusammenfällt. Die visuelle Umsetzung vom österreichischen Kameramann Wolfgang Thaler ist jedoch beeindruckend und lässt Berlin in einem Hochglanz-Look erstrahlen.