Filmkritiken
04/28/2015

FOLTER IM NAMEN DES HERREN

von Franco Schedl

Die zahlenden Besucher in dem von Eli Roth betriebenen „Hostel“ durften ihre Folter-Gelüste bloß zum Privatvergnügen ausleben. Beim deutschen Regisseur Philip Lilienschwarz greift der sadistische Killer Jesaja auf eine ganz andere Tradition zurück, die im Zeichen des Kreuzes steht: sein religiöse Fanatiker mit dem prophetischen Namen Jesaja lässt nämlich die Inquisition wieder aufleben und unterzieht seine Opfer schmerzhaften Prozeduren, um ihnen die Zungen zu lösen. Die Bedauernswerten sollen eine Generalbeichte ablegen, um ihre Seelen zu entlasten, bevor sie von Jesaja dann sündenrein zum Erlöser geschickt werden – denn sterben müssen sie auf jeden Fall durch seine Hände. Zum Glück kann sich die katholische Kirche bei ihrem derzeitigen Teilnehmerschwund eine ähnliche Praxis nicht leisten und ist stattdessen über alle am Leben gebliebenen Sünder froh, solange sie nur die Kirchensteuer entrichten.

Lilienschwarz hat in rund dreijähriger Arbeit 72 harte Indie-Horror-Filmminuten realisiert, die trotz Budgetknappheit unglaublich professionell wirken. Abgesehen von einigen Gore-Effekten in der zweiten Filmhälfte, die zarter Besaiteten durchaus den Magen heben könnten, bietet der Film das sehr genaue Psychogramm eines verwirrten Mannes, der uns seine Geschichte mit eigenen Worten erzählt. Um ein paar logische Lücken (wie entsorgt Jesaja die Überreste seiner vielen Opfer eigentlich ohne Verdacht zu erregen und weshalb ruft nicht einmal das Verschwinden seines Nachbarn die Polizei auf den Plan?) drückt sich das Drehbuch geschickt herum.

Stefan Vancura spielt den religiösen Psycho mit erschreckender Ruhe und ist ein würdiger Geistesbruder seines blutigen Vorgängers „Schramm“, doch auch aus Übersee lässt der Jigsaw-Killer grüßen. Die restlichen Darsteller agieren ebenfalls absolut glaubwürdig und könnten theoretisch jederzeit für eine größere Produktion engagiert werden. Ein weiterer Pluspunkt: der atmosphärisch dichte Soundtrack von René Bidmon ist wirklich hörenswert.

(Beim Indie-Label Maximum Uncut Productions ist der Film übrigens auf DVD und Blu-ray erschienen.)