Filmkritiken
17.07.2013

GOTT FÜHRT EINE SCHARFE KLINGE

Wer Ryan Gosling bereits in „Drive“ als übertrieben maulfaul und zurückhaltend empfunden hat, wird ihn in diesem nächsten Werk des Dänen Nicolas Winding Refn mindestens für scheintot halten. Tatsächlich erklimmt Gosling in der Rolle eines Kriminellen in Bangkoks Rotlichtviertel mit seiner „Sprache des Schweigens“ einen neuen Gipfel der Apathie. Obwohl dieser Julian im Drogengeschäft tätig ist und etwas von Kampfsport versteht, hat er absolut nichts von einem harten Burschen, lässt sich von der eigenen Mutter erniedrigend abkanzeln, führt aus Mitleid Mord-Befehle nicht aus, unterliegt im Zweikampf und ergreift nur zuletzt in einem entscheidenden Moment die Initiative. Sogar beim Sex lässt er sich von der begehrten Frau lieber an den Sessel fesseln und schaut ihr dann beim sinnlichen (Eigen-)Treiben ausdruckslos zu.

Schuld an seiner Verkorkstheit trägt eindeutig die raubtierhafte Mutter (eine atemberaubende Kristin Scott Thomas in ihrem wohl ungewöhnlichsten Film). Ihr anderer Sohn Billy hingegen hat einen noch größeren Knacks weg. Da er auf Minderjährige steht, vergewaltigt er eine 16jähige und schlachtet sie anschließend ab. Als die aus Amerika angereiste Mama von dieser Tat erfährt, ist ihr lapidarer Kommentar: „Er wird seine Gründe gehabt haben“. Zu diesem Zeitpunkt lebt Billy bereits nicht mehr, denn sein Todesurteil wurde indirekt durch den Polizisten Chang vollstreckt, der wie eine strafende Gottheit in seiner Stadt für ganz spezielle Gerechtigkeit sorgt. Der Experte für Schwerter und sonstige Stichwaffen ist Anhänger des „Auge um Auge“-Prinzips, aber falls er nicht gerade ein Augenpaar aus dem Kopf des unglücklichen Besitzers schneidet, sammelt er auch Hände und sonstige Gliedmaßen zu Bestrafungszwecken ein (und zur Entspannung tritt er auf die Karaoke-Bühne).

Refn, der auch bisher nicht für Zimperlichkeit in seinem Inszenierungsstil bekannt war, betrachtet dieses Werk als Summe seines bisherigen Schaffens. Unter Berufung auf den Regiekollegen Gaspard Noé hat er diesmal eine besonders wüste Geschichte erdacht, in der sich östliches Rachedrama mit griechischer Tragödie vermischt. Goslings Figur leidet nicht nur unter einem gewaltigen Ödipus-Komplex, sondern trägt darüber hinaus auch eindeutig Züge jenes dank Freud im 20. Jahrhundert zu besonderen Ehren gekommenen Königssohnes: wie wir gesprächsweise erfahren, hat er einst seinen Vater mit bloßen Händen getötet, und sein Denken und Handeln wird durch die gnadenlose Mama beherrscht. In einer extremen Szene kommt er dann dem Verlangen nach der Rückkehr in den Mutterleib ziemlich nahe.

Während Gosling zur Passivität verurteilt ist, wird der thailändische Schauspieler Vithaya Pansringarm als allgegenwärtiger Racheengel zur eigentlich treibenden Kraft und führt uns in eine fremdartige unbarmherzige Welt. Immer wieder sitzen Menschen – und v.a. Kinder - wie gelähmt, während um sie herum brutale Morde geschehen, bei denen das Blut spitzt. Solche statischen Tableaus erwecken den Eindruck, „Only God Forgives“ würde Alain Resnais‘ Klassiker des Kunstfilms „Letztes Jahr in Marienbad“ in Blutrot getaucht wiederbelebt.

Während es dort freilich absolut harmlos zugegangen ist, geht hier die dargestellte Gewalt sicher vielen zu weit. Doch sie ist eine unverzichtbare Zutat in diesem extrem stilisierten Film, der in einer ritualisierten Gesellschaft spielt. Deshalb vergeben wir gerechterweise auch 9 von 10 stahlharten Samuraiklingen.