Grands comme le monde

 F 1998
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Einen Gemeinplatz filmen, eine Schule am Stadt- rand, in Gennevilliers, und dabei nur Sonnenstrahlen, Bäume und lachende Gesichter einfangen. Das will Grands comme le monde, ein diskreter, schmissiger und - was bei einem französischen Dokumentarfilm eine Seltenheit ist - eleganter in 35mm gedrehter Film. Abschweifungen und wütende Rufzeichen sind selten: Die vorgezeichnete Linie ist klar, subtil. Gheerbrant, der aus dem Off erzählt, daß die fünfte Klasse (das Alter von elf, zwölfJahren) für ihn die Zeit war, in der er das Leben am unmittelbarsten entdeckte, hat sich vor Ort begeben, um heute den Wahrheitsgrad seiner Erinnerung zu überprüfen. Er stellt den Buben Fragen zu ihrem täglichen Leben, spricht die The-men an, die sie beschäftigen - die Schule, die Sozialwohnungen, die neue Behaarung, die zu sprießen beginnt - und lockt sie dann auf unbekanntes Terrain: Begriffe, Definitionen und Theorien werden zu den Erfahrungen geliefert, aus denen heraus sie entstehen, und von da an geht es um die Insze- nierung einer Stimme, um deren Definition. Denn diese Jugendlichen müssen unaufhörlich zwischen den verschiedenen Formen von Autorität - der der Schule und der Professoren, der ihrer Eltern und der Religion, und letztlich auch der des Filme- ma- chers, der als geschickter Schullehrer auftritt - ihren Platz finden, um einen eigenen und genauen Diskurs zu entwickeln. Gheerbrant gelingt das Kunststück, diese wacklige, für manche zunächst unbehagliche Position in eine leichte Übung zu verwandeln. In eine verführerische Suche nach Identität, die im Ablauf des Films verankert ist und die Aufmerksamkeit mehr zu fesseln vermag als der programmatische Kommentar: Was ist das Ende der Kindheit? Erlebt man es in der Vorstadt anders als anderswo? - Weil er sich darauf besinnt, sein Thema nicht von oben herab zu behandeln, weil er dessen Tragweite auf ein einziges Problem beschränkt - die Wahrheit oder Unwahr- heit dieser Stimme -, das alle anderen nach sich zieht, wird Grands comme le monde zum tröstenden, poetischen und leisen Werk. (Olivier Joyard)Text: Viennale 98

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Denis Gheerbrant

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