Filmkritiken
18.09.2013

GUT GEKLEIDET AUF DEN SPUREN DER WELTBEVÖLKERUNG

Das wird kein gutes Ende nehmen: Die Welt platzt bald aus allen Nähten; und als im Oktober 2011 durch den UNO-Generalsekretär die Geburt des siebenmilliardsten Menschen verkündet wurde, hätte nicht viel gefehlt, das – zumindest für die Eltern des neuen Erdenbürgers - freudige Ereignis zum Anlass eines globalen Trauertags zu machen, weil unser Planet dadurch angeblich einen weiteren Schritt Richtung Abgrund getan hat. Das sogenannte Überbevölkerungsproblem versetzt uns, seit es im 18. Jahrhundert erstmals vom britischen Ökonomen Malthus formuliert wurde, immer wirkungsvoller in Angst und Schrecken. Jeder weitere Mensch bedeutet demnach rascher schwindende Ressourcen bzw. Anstieg von Umweltverschmutzung und beschleunigten Klimawandel. Muss das so sein?

Dokumentarfilmer Werner Boote, den wir bereits durch „Plastic Planet“ kennen, ist dieser Frage auf sehr persönliche Weise nachgegangen und trat modisch perfekt ausgestattet eine Weltreise in Sachen Bevölkerungsbesorgnis an: sie führte ihn von Amerika, über Indien, China und Japan nach Afrika und Großbritannien.

Anfang der 70er Jahre hat bereits ein anderer Weiser namens John Lennon in einem Fernsehinterview seinen Unglauben an das Schlagwort „Überbevölkerung“ bekundet. Boote befindet sich also in guter ideeller Gesellschaft und durch seine zahlreichen Interviews wird deutlich, dass hinter der vorgeblichen Angst ums künftige Wohl der Menschheit oft gar nicht Nächstenliebe und Humanität, sondern wesentlich handfestere ökonomische und politische Gründe stecken. So fürchten reiche Länder den Bevölkerungsanstieg in Entwicklungsländern, weil sie von Einwanderinnen und Einwanderern „überschwemmt“ werden könnten; und ein Plan zur Familienregelung in bestimmten Ländern, den die USA 1974 propagiert hatte, lässt sich hauptsächlich auf die dadurch erhoffte Eindämmung des Kommunismus zurückführen.

Mitunter scheint es allerdings, die Interviewpartner spielen nur eine untergeordnete Rolle, weil sich Boote die Hauptrolle selber zugesteht. Der Regisseur setzt ganz auf seine Präsenz und steht nach jedem Schauplatzwechsel gerne mit Anzug und schwarzem Regenschirm auf einer befahrenen Straßenkreuzung, um sich in eine aktuelle Tageszeitung zu vertiefen, was ihn und uns auf die nächste Station seiner Reise einstimmen soll. Bei einem Boot-Interview auf einem Teich in Tokio nimmt Boote einen schwankenden Platzwechsel vor, der ungefähr 1 Minute dauert und ihn selber herzlich amüsiert, doch auf den ersten Blick absolut nichts mit dem Film zu tun hat. Aber da ja auch Bootes Schirm eingestandenermaßen Symbolwert besitzt, sollten wir hier vermutlich daran denken, dass wir Weltbevölkerer alle im selben Boot sitzen.

Zwischendurch stellt Boote überraschende Berechnungen an: angenommen, alle derzeit lebenden sieben Milliarden Menschen müssten in Österreich untergebracht werden, stünden jedem von ihnen immerhin noch durchschnittlich elf Quadratmeter Fläche zur Verfügung. Unser Land könnte demnach eine eminent globale Rolle spielen und würde der Welt-Masse dabei noch immer mehr Spielraum bieten, als beispielsweise einem Strafgefangenen laut Gesetz zusteht.

Eingekeilt in Menschenmassen auf einem indischen Zugdach entlässt uns Boote mit der beruhigenden Erkenntnis, dass es in erster Linie auf Zusammenhalt und Rücksichtnahme ankommt, egal zu wievielt wir auf der Welt sind. Besser hätte das auch Lennon nicht ausdrücken können.

Wir bevölkern unsere Filmwertungs-Skala mit 8 von 10 möglichen Punkten.

Werner Boote, Regisseur von "Plastic Planet", geht in diesem Film dem Thema Bevölkerungswachstum nach.