Filmkritiken
16.09.2014

HOCH NEUROTISCH MIT VIEL HUMOR

Wer sich eine hingebungsvolle Oralsex-Szene innerhalb der ersten drei Filmminuten erhofft, muss den angesammelten Sabber enttäuscht wieder hinunterschlucken. Damit nicht genug: auch in den folgenden 90 Minuten wird es keine derartige Szene geben. Charlotte Roche hat sie zwar zum Auftakt in ihren Roman gepackt, aber dort hatte die Passage wohl eher eine Art Aufhänger- oder Anlockfunktion: die Autorin wollte die „Feuchtgebiete“-Fans einfach nicht enttäuschen und ihrem Ruf gerecht bleiben. Damit hat sie allerdings eine falsche Spur gelegt, denn ihr zweites Werk ist ja nicht mehr durch pubertäre Schock-Erotik geprägt, sondern viel erwachsener, wenn auch nicht weniger ausgeflippt. Was natürlich daran liegt, dass die weibliche Hauptfigur kein Teenager mehr ist, sondern eine Ehefrau und Mutter Mitte 30, die sich mit Alltagsorgen wie Wurmbefall in der Familie, Koordination des nächsten Puff-Besuchs gemeinsam mit dem Mann oder den Sitzungen bei der Psychotherapeutin herumschlägt - und in ihren Träumen schießt sie die Chefetage eines verhassten deutschen Boulevardblattes zusammen.

Diese Elizabeth Kiehl ist nämlich nach eigener Erkenntnis ein Neurosenbündel par excellence und wirkt fast wie ein weiblicher Woody Allen, weil ihr trotz allen Panik- und sonstigen Attacken immer ein flotter Spruch zum Leben, der Liebe oder dem Tod über die Lippen kommt. Das größte Trauma hat ihr der Unfalltod ihrer drei halbwüchsigen Geschwister verursacht, die auf dem Weg zu Elizabeths Hochzeit bei einer Massenkarambolage auf der Autobahn im Wagen verbrannt sind.

In wie weit Charlotte Roche sich hier selbst beschrieben hat, ist nicht so wichtig, denn der Vorwurf, dass sie in dem Buch ihre private Tragödie ausschlachtet, greift zu kurz. Mit ihrer Antiheldin hat sie eine durchaus eigenständige Hauptfigur geschaffen, und Sönke Wortmann Filmversion macht das absolut deutlich: unter seiner Regie wird „Schoßgebete“ mit einer starken Lavinia Wilson in der Hauptrolle zur Tragikomödie einer Frau, die ihr verkorksten Leben in den Griff zu bekommen versucht und gegen innere Dämonen ankämpft. Dabei hat sie das Glück, dass ihr ein verständnisvoller Partner zur Seit steht, der sich von ihr niemals in den Wahnsinn treiben lässt, obwohl man das mitunter nur schwer nachvollziehen kann.

Als großen Aufreger kann man das Werk also beim besten Willen nicht vermarkten: Lavinia Wilson hat zwar ein paar Nacktszenen, während sich Jürgen Vogel eher bedeckt hält, aber exzessiver oder tabubrechender Sex wird hier absolut nicht geboten. Allerdings wäre es interessant, herauszufinden, wie es sich mit Charlotte Roches feministischem Verständnis vereinbaren lässt, dass der Mann nicht ebenfalls blank ziehen darf.

Der Film verleiht dem eher episodischen Romanaufbau eine stärkere Struktur (das Drehbuch hat Produzent Oliver Berben übrigens gleich selber beigesteuert) und zeigt einen Weg aus Elizabeths psychischer Misere. Ganz zuletzt entlässt uns die Hauptfigur sogar mit einem glücklichen Lächeln auf ihrem Gesicht aus dem Kino - und dass dieses Gesicht dem von Charlotte Roche zumindest in gewissen Momenten geradezu unheimlich gleicht, ist eine nette Draufgabe. 8 von 10 silberne Eichelanhänger.