Filmkritiken
08.04.2015

IDENTITÄSSUCHE FÜR FORTGESCHRITTENE

Am Anfang ist gleich alles zu Ende, möchte man glauben, denn normalerweise pflegen schöne Leichen am Schluss von Filmen tragisch herumzuliegen. Doch in François Ozons neuestem Werk wird der Tod einer besten Freundin nur zum Auftakt eines geschickt komponierten Verwirrspiels der Geschlechter. Hier maskiert sich das Begehren sehr modebewusst und die junge Claire findet eine ungewöhnliche Möglichkeit, dem Andenken an ihre tote Freundin über einen Umweg nachzukommen.

Ozon macht es den Kritikern nicht leicht, mehr über die Geschichte zu verraten, denn alles, was über diese harmlosen Andeutungen hinausgeht, würde den unvorbereiteten Zuschauern eine große Überraschung verderben und müssten mit einem riesigen SPOILERALARM versehen werden. Sogar der fast zweiminütige Trailer bringt es durch perfekte Schnitte fertig, uns auf eine falsche Fährte zu locken.

Nur so viel sei zur Charakteristik des Films gesagt: wir haben es hier mit einer feinen psychologischen Studie zu tun, die sich von der Keimzelle des Inhalt her immerhin auf eine Kurzgeschichte der britischen Grande Dame des Kriminalromans Ruth Rendell berufen kann. Durch einen eher eindeutigen Krimi-Stoff hat sich Ozon jedoch zu einer gänzlich unkriminellen Geschichte inspirieren lassen, die eher zu einem Werk passen würde, das den Autorinnennamen Barbara Vine trägt – und das ist wiederum ein Pseudonym besagter Ruth Rendell.

Das klingt jetzt vielleicht nach einer Art von (literarischem) Rollenspiel – und da es gerade darum auch in unserem Film geht, sind wir wieder bei „Eine neue Freundin“ angelangt. Diese äußerst sensible und ganz schön erotische Identitätssuche für Fortgeschrittene wird von uns mit 9 von 10 falschen Wimpern belohnt.