Interview mit VIS-Programmleiter Daniel Ebner

Ulysse del Drago

Das VIS steht wieder vor der Tür! Für Österreichs international anerkanntestes Kurzfilmfestival stellten Daniel Ebner und sein Team fünf Wettbewerbsprogramme auf die Beine. Wer sich mit dem Medium befasst, weiß, dass das keine leichte Aufgabe ist. Im Gegensatz zum Langfilm gibt es dutzende Kurzfilmformate, bei denen es schwierig ist, untereinander Vergleiche zu ziehen, geschweige denn Wertungen zu treffen. Beim VIS gibt es von 29.5 - 4.6 in Wien die Möglichkeit ein breites Spektrum dieser oft unterschätzten filmischen Erzählform zu sehen.

© Stations (Julien Huger)

Ihr bekommt jedes Jahr viertausend Einreichungen wie bewältigt ihr es, diese Masse an Kurzfilmen zu sichten?

Zum Glück gibt es nicht nur einen Wettbewerb, sondern fünf,  das heißt, für jeden Wettbewerb gibt es auch Teams, die sich nur auf ihre Kategorie konzentrieren. Es schauen nicht alle alles. Natürlich ist es trotzdem so, dass es beim internationalen Wettbewerb für Fiction und Documentary sehr intensiv  wird. Für uns war es immer sehr wichtig, dass wir nicht Studierende fragen, eine Vorauswahl zu treffen, das machen recht viele Festivals. Wir haben Programmer, die professionell mit den Filmen arbeiten, die kriegen auch eine entsprechende Bezahlung, weil sie tatsächlich zwei bis drei Monate nichts anderes tun können, als Einreichungen zu sichten.

© The Burden (Niki Lindroth von Bahr)

Wie trefft ihr eure Auswahl? Denkt ihr bei der Erstellung des Programms über eine Balance zwischen den großen Festivalerfolgen und den eher kleineren Filmen nach?

Das ist wahrscheinlich der schwierigste Prozess. Über manche Filme wie „Min Börde“ von Niki Lindroth von Bahr stolpert man immer wieder und weiß - ok den muss man im Festival haben. Dann gibt es andere Filme, von denen man weiß, dass die auf vielen Festivals gelaufen sind, aber die uns vielleicht nicht mehr unbedingt brauchen. Es gibt natürlich auch Filme in die sich ein Programmer oder eine Programmerin verliebt und sagt, der muss im Festival sein. Pro Wettbewerb hat man eine Shortlist von 100-150 Filmen, von dieser Zahl dann runter auf 20-30 zu kommen, ist schwierig, da killt man viele Darlings. Es ist ein unglaublich harter und spannender Prozess, weil es dann eben auch genau darum geht: welchen Film müssen wir drinnen haben, welche Filme sind uns wichtig, weil sie vielleicht auch etwas behandeln, das thematisch auch in einem Festival Platz haben muss.

© Color Test: The Red Flag (Gerd Conradt)

Bei euch werden Kurzfilme aus der ganzen Welt eingereicht. Kann man regionale Unterschiede bei den filmischen Arbeiten feststellen?

Ja, die kann man. Mit der Zeit ist es schon Routine, weil man weiß, wie gewisse Filmschulen arbeiten. Am interessantesten finde ich es bei den chinesischen Filmschaffenden, weil sie sehr oft durch Filmförderprogramme zwei oder drei Jahre im Ausland verbringen. Man erkennt sehr stark, wie sich ihr Stil ändert und plötzlich europäischer wird.

Ihr habt euch in den letzten Jahren zu einem international etablierten Festival entwickelt, macht das die Arbeit leichter oder schwerer?

Wenn man in diesem Netzwerk drinnen ist, mit vielen Menschen auf einer sehr guten Ebene kommuniziert und auch mitverfolgt, was sie machen, werden teilweise schon vier Monate, bevor Filme ihre Premiere haben, Sichtungslinks an uns geschickt, weil man einfach weiß, dass es da ein gutes Verhältnis gibt. Dieser Umstand macht es natürlich viel schwieriger. Andererseits ist es schön, weil man schon ganz gut in der Szene angekommen ist. Ich merke, dass  die internationale Wertschätzung für das Festival noch größer ist als in der Stadt selber, wo es ziemlich schwierig ist, sich bei dem breiten Kulturangebot bemerkbar zu machen. Ich verstehe jetzt auch bis zu einem gewissen Grad die Logik, für die Cannes immer kritisiert wird, weil sie immer die gleichen Leute einladen. Man hat sich mit Filmemachern über Jahre hin eine Beziehung aufgebaut, denen zu sagen „Hey guter Film, aber diesmal nicht“, ist sehr schwierig.

© Schneemann (Leni Gruber)

Ihr habt einen nationalen und einen internationalen Wettbewerb. Wie siehst Du die Qualität der österreichischen Kurzfilme im internationalen Vergleich?

Diese Trennung von österreichischen und internationalen Filmen ist bei uns intern eine große Diskussion, weil der nationale Wettbewerb dann ein bisschen wie ein Ghetto wirkt, was er ja eigentlich nicht sein sollte. Der eigene Wettbewerb ermöglicht es uns aber, Filme ins Programm zunehmen, die bei der Diagonale, Viennale oder beim Crossing Europe nicht die Gelegenheit bekommen haben. Ich habe schon das Gefühl, dass in den letzten Jahren sehr viel passiert ist im österreichischen Kurzfilm, nicht zuletzt dadurch, dass sich einige Filmemacher einen Namen gemacht haben. Jannis Lenz war sehr präsent durch seine Nominierung beim europäischen Filmpreis, Patrick Vollrath und Maria Luz Olivares Capelle haben mit ihren Kurzfilmen ebenfalls internationale Aufmerksamkeit erregt. Der nächste Schritt, an den man denken könnte, wäre, das Programm nicht nur in „Fiction und Documentary“ und „Animation und Avantgarde“ zu teilen,  sondern den österreichischen Wettbewerb da mit hinein zu nehmen.

© Animateur (Alexander Gratzer)

Was mir in Österreich ein bisschen fehlt, ist, dass man keine Produktionsfirmen hat, die bewusst Kurzfilme produzieren und mit Regisseuren arbeiten, die schauen wollen, wie sich eine Figur im kurzen Format entwickelt. Es gibt keine Wertschätzung von Kurzfilmen, obwohl pro Jahr 300-400 Filme produziert werden, was ja wirklich eine hohe Zahl für so ein kleines Land ist.

Die Austrian Film Comission vertritt den österreichischen Film im Ausland, aber interessiert sich nicht für den Kurzfilm.Das ist so altmodisch und so weit weg von der Realität in der wir uns jetzt befinden.  Die A-Festivals fangen an, ihre jungen Talente selbst zu entwickeln, sie haben alle ihre eigenen Akademien, in denen sie versuchen, ihre Talente heranzuzüchten und natürlich funktioniert das in erster Linie über den Kurzfilm. Für uns gibt es nichts Schöneres, wenn Filmemacher dann auch beim Kurzfilm bleiben oder zwischendurch wieder Kurzfilme machen. Die Ignoranz dafür, dass ich relativ viel produziere und auch über die Förderstellen finanziere, das aber nicht versuche, zu verwerten, verstehe ich nicht.

© Eight Stories From The Life Of Nastya Sokolova (Vladlena Sandu, Alina Kotova)

Merkt man den Einfluss des Internets bei den Einreichungen? Werden die Filme kürzer?

Wir haben uns gewundert, weil der Trend in den letzten Jahren dahin gegangen ist, dass die Filme viel länger geworden sind. In den letzten 10 Jahren sind die Kurzfilme im Durchschnitt um zweieinhalb Minuten länger geworden und das genau in dem Zeitraum, in dem das Internet eine wichtigere Rolle eingenommen hat. Auf der anderen Seite merkt man aber schon, dass viele Filmschaffende ihre Filme mit einem Schockmoment oder mit etwas unglaublich Starkem beginnen, um von Beginn an die Aufmerksamkeit des Zusehers zu haben. Wir haben uns überlegt, die Preise wie in Deutschland zu gestalten, wo die Filmpreise auch der Lauflänge untergeordnet sind, dort gibt es  Kategorien bis 5, 15 und 30 Minuten, denn es sind eigentlich völlig unterschiedliche Formate. Die bis 5 Minuten sind klassische Formate, die im Netz gut funktionieren, die bis 15 Minuten sind die, wo noch am ehesten nur eine Idee reicht und man nicht viel Dramaturgie braucht. Alles über 15 Minuten muss eine gewisse Dramaturgie und einen erzählerischen Bogen haben.

 

Das ganze Programm findet ihr hier:

https://www.viennashorts.com/programm/timetable/

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