"Jugend ohne Gott": Jeder will die Elite sein

jugend ohne gott.jpgConstantin Film Verleih GmbH/die film gmbh/Marc Reimann
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In einer nahen Zukunft müssen die Abschlussklassen jeder Schule ein Camp absolvieren, in dem die Weichen für ihre Zukunft gestellt werden. Wer überzeugt, kommt in die begehrten Rowald Universitäten; wer nicht zur Elite gehört, wird vom System aussortiert. Zach (Jannis Niewöhner) gehört zu den Besten seiner Klasse, aber verweigert es, Teil der Leistungsgesellschaft zu sein. Im Camp entstehen Spannungen zwischen ihm und seinen Mitschülern, die soweit gehen, dass er seine Heimreise antreten muss. Ab diesem Punkt verliert das Science Fiction-Drama an Tempo und wird zum Kriminalfilm.

Internationals Niveau

Jugend ohne Gott“ ist deutsches Blockbuster-Kino auf internationalem Niveau. Die Geschichte über jugendlichen Leichtsinn in einer Leistungsgesellschaft ist auf Hochglanz getrimmt und gibt sich viel Mühe, um mit "Tribute von Panem" und Co mitzuhalten, nur am Ende nimmt der ermahnende Zeigefinger wieder seinen Platz im deutschen Kino ein. Zu viel Risiko darf der deutsche Film ja auch nicht eingehen.

 

Neue Gesichter

Das Ensemble an jungen DarstellerInnen spielt großartig und gibt Hoffnung für die Zukunft des deutschen Kinos. Das Drehbuch besticht durch Genauigkeit und geschickt gesetzte Wendepunkte, die den Zuseher zum Nachdenken zwingen. Nur im letzten Viertel enttäuscht die allzu offensichtliche Auflösung eines Mordfalls. Die damit verbundene Selbstkritik an der europäischen Gesellschaft und dem Bildungsystem liefert zwar genug Stoff, um nach dem Kinobesuch darüber zu diskutieren, ist aber  erzählerisch schwach umgesetzt.

Toller Look

Jugend ohne Gott“ ist visuell atemberaubend. Selten hat ein deutscher Film so gut ausgesehen. Gedreht wurde hauptsächlich in Bayern, die Innenräume und Fassaden wurden sorgfältig ausgewählt, so dass kein Zweifel an der Science Fiction-Welt besteht. Mit vergleichsweise wenig Computeranimationen gelang es, eine glaubwürdige dystopische Zukunft zu kreieren.

 

Jugend ohne Gott“ ist Blockbuster-Unterhaltung, die auf ein junges Publikum ausgerichtet ist und sollte von Liebhabern der Literaturvorlage eher gemieden werden.

Özgür Anil

Jugend ohne Gott

Jugend ohne Gott

D 2017
Drama, Literaturverfilmung
01.09.2017
Alain Gsponer
Frei nach dem gleichnamigen Roman von Ödön von Horváth erzählt Regisseur Alain Gsponer die Geschichte einer Gruppe von Schülern, die als Hoffnungsträger der Leistungsgesellschaft an ihre Grenzen stoßen.
6.20

Kommentare

Wenn man das Buch (wieder)liest, erkennt man, dass es mit Sicherheit eines der schwächeren Werke Horvaths ist. Personen und Handlung sind klischeehaft und teilweise unglaubwürdig (warum sollte z.B. der Lehrer das Tagebuch des Schülers lesen? Was soll das "wilde Mädchen"?)
Interessant daran ist ja nur, dass gerade dieses schwache Werk heute wieder verfilmt wird, weil man anscheinend ein Publikum hat, das auch eine noch so abstruse Geschichte (abgesehen vom weltanschaulichen Hintergrund, der in den 30-er Jahren natürlich berechtigt war) goutiert (angesichts der allgemein grassierenden "Krimi-Seuche" auch nicht verwunderlich).