Filmkritiken
29.10.2014

KAMPFABSTIMMUNG ZWISCHEN PRÄMIE UND KOLLEGEN

Zwei Tage, eine Nacht hat Sandra Zeit, Wahlkampf zu machen. Wahlkampf dafür, dass sie ihren Job behalten darf. Ihr Gegner: Tausend Euro. Sandras Arbeitskollegen müssen sich nämlich entscheiden, ob sie für eine Prämie von 1000 Euro stimmen – was bedeuten würde, dass Sandra ihren Job verliert. Oder ob sie für Sandra stimmen – was bedeutet, dass sie ihre Prämie verlieren.

Zwei Tage, eine Nacht wandert Sandra von Tür zu Tür, klingelt an Sprechanlagen und fleht um Solidarität. Jeden einzelnen Kollegen konfrontiert sie mit der Bitte, für sie zu stimmen. Manche zögern, manche versprechen ihre Unterstützung, und manche machen erst gar nicht die Tür auf.

"Zwei Tage, eine Nacht" hatte Premiere in Cannes und ließ die Kritik begeistert aufschluchzen. Effektiv bietet das hochkarätige Kampfmelodram von Jean-Pierre und Luc Dardenne Politkino auf höchstem Unterhaltungsniveau. Als Mehrfachbesitzer der Goldenen Palme – für "Rosetta" (1999) und "Das Kind" (2005) – stehen die Dardennes Pate für ein sozialengagiertes Autorenkino der Extraklasse. Mit ihrem unverwechselbaren Blick nehmen sie den alltäglichen Existenzkampf in der spätkapitalistischen Leistungsgesellschaft ins Visier. Die französische Star-Schauspielerin Marion Cotillard leiht ihr melancholisch schönes Gesicht der Heldin Sandra und veredelt mit ihrem verhaltenen Spiel den entwürdigenden Kreuzgang. Mit hochmobiler Kamera folgen die Dardennes der jungen Ehefrau und Mutter durch eine Kleinstadt in Belgien. Die Sonne strahlt heiß, die Helligkeit des Sommers lastet schwer. Sandra hat sich gerade von einer Depression erholt und muss beweisen, dass sie wieder arbeitsfit ist. Am liebsten würde sie sich ins Bett legen und nicht mehr aufwachen. Stattdessen wirft sie Xanax ein, um es zur Türklingel des nächsten Kollegen zu schaffen.

Mit viel Suspense-Rhetorik peppen die Dardennes eine potenziell trostlose Sozialmisere mit immenser Thrillerspannung auf: Wird es eine Rettung in letzter Minute geben? Werden die Kollegen für Sandra stimmen? Lässt sich Sandras Beziehung zu ihrem Ehemann retten?

Während sie uns erzähltechnisch auf Trab halten, fächern die Regisseure ein Soziotop des (unteren) Mittelstands auf. Den einen bedeuten 1000 Euro ein Jahr lang Gas und Strom; den anderen Geld für das Studium der Kinder; den dritten eine neue Terrasse im Garten.

"Ich würde gern helfen, aber ich kann nicht", heißt es oft. Eigenheim steht gegen Eigenheim, Existenz gegen Existenz. Solidarität gibt es vorerst keine, sie muss erst mühselig geschaffen werden. Doch dass es sie gibt, diese Solidarität, daran glauben die Dardennes ganz fest. "Zwei Tage, eine Nacht" legt ein tief empfundenes Zeugnis von diesem Glauben ab, mit allen Mitteln des (Spannungs-)Kinos.