Filmkritiken
27.06.2013

KUNG-FU ALS AUSDRUCKSTANZ

Wong Kar-wai liebt die Nacht. Deswegen nimmt er in der Öffentlichkeit niemals die Sonnenbrille ab. Und deswegen dreht er ausschließlich bei Nacht – sogar die Tagesszenen. Doch von denen gibt es in „The Grandmaster“ ohnehin nicht allzu viele.

Das vergangenheitssüchtige Martial-Epos des Hongkong-Regisseurs spielt vorzugsweise im Dunkeln, im Schnee und im Regen. Zu melancholischen Geigenklängen wie einst in seinem wunderbaren Melodram „In the Mood for Love“ kämpfen sich Wongs Liebende – allesamt Meister des Kung-Fu – durch ihr einsames Schicksal.

Inspiriert von einer Doku über den „echten“ Grandmaster – den Kampfkünstler Ip Man – und berüchtigt für seine pedantische Arbeitsweise, ließ Wong seine Schauspieler vier Jahre lang Kung-Fu trainieren. Tony Leung brach sich für die Vorbereitung auf die Titelrolle dabei zwei Mal den Arm, ehe er die gewünschte Meisterschaft erreichte.

„The Grandmaster“ Ip Man war nicht nur Meister des Wing Chun, einer Variante des Kung-Fu, sondern auch der Lehrer von Bruce Lee.

ing Chun besteht aus kleineren Kampfbewegungen. Daher drehte Wong seine Kampfszenen als enge, intime Duette zwischen zwei Kämpfern. Kleine Bewegungen mit Händen und Füßen, punktgenau abgezirkelt, sorgen für eine kleinteilige, aber atemberaubende Dynamik. Denn, so sagt Tony Leung als Großmeister Ip Man zu seiner Gegnerin einmal treffend: „Kung-Fu ist Präzision. Wenn ich etwas zerbreche, hast du gewonnen.“

Leungs Partnerin Zhang Ziyi perfektionierte ihre Technik der „64 Hände“ ebenfalls in jahrelangem Training. Mit der Grazie einer Primaballerina tanzt sie ihr einsames Kung-Fu-Ballett im Schneegestöber als Abschied von der Kindheit. Oder als tödliches Furore auf einem Bahnhof, in der Begegnung mit dem Mörder des Vaters.

Dieses Duell inszeniert Wong als zwei konkurrierende Formen der Bewegungung: Kung-Fu, mit seiner eleganten Fußarbeit und den scharfen Handschlägen in Slow-Motion setzt er gegen das mechanische Einfahren des Zuges. Die Lokomotive, das quintessenzielle Bild der Moderne, markiert dabei das Ende der traditionellen Kampfkunst.

Immer wieder verliert sich Wong im Gestrüpp der Jahrzehnte und führt Figuren ein, die abrupt wieder verschwinden. Auch erschöpft er sich in visuellen Manierismen wie endlosen Großaufnahmen und gleitenden Kamerabewegungen. Doch die Schauwerte machen diese Langatmigkeit wieder wett.

Denn selten hat man Kung-Fu als so schönen Ausdruckstanz der Seele gesehen, die sich vergeblich nach der Vergangenheit sehnt.