Filmkritiken
07.12.2010

MÄRCHENHAFT HAARMONISCH

Weltweit setzen tricktechnisch versierte CGI-Teams ihren besonderen Ehrgeiz in die möglichst naturgetreue Abbildung von Kopfhaar – und speziell bei diesem Projekt müssen die Macher von Disney über eine gehörige Portion an Selbstbewusstsein verfügt haben. Immerhin bringt es Rapunzel auf eine stattliche Haarlänge von 20m und stellt mit dieser Fülle eine Menge an. Genau die richtige Herausforderung für eine Jubiläumsproduktion, denn mit „Rapunzel – voll verföhnt“ wurde zugleich Disneys 50. abendfüllender Zeichentrickfilm realisiert. Darum haben sich alle Beteiligten entsprechend ins Zeug gelegt und nicht nur eine speziell bei Haarfragen erstklassig gelungene Märchen-Adaptation geschaffen. Die Geschichte überzeugt einfach in jeder Hinsicht: sie ist witzig, spannend, dramatisch, traurig und sehr musikalisch in bester Disney-Tradition. Zu den schönsten Momenten zählt ein stimmungsvolles Lichtermeer aus zigtausend über einem See schwebenden Laternen, deren Pracht durch den Wasserspiegel noch verdoppelt wird.

Als Erzähler kommt Meisterdieb Flynn Rider zu Wort, der sich nicht nur auf seinem eigentlichen Betätigungsfeld für unfehlbar hält, sondern v.a. glaubt, ein unwiderstehlicher Herzensbrecher zu sein. Diese wilde Mischung aus Errol Flynn und Brad Pitt ist zu Beginn auf der Flucht vor dem Gesetz und seinen ehemaligen Kumpanen. Dabei landet er in einem geheimnisvollen Turm, der nur über die senkrechte Außenmauer zu betreten ist und trifft dort auf die titelgebende junge Dame. Bei ihrer ersten Begegnung verabreicht sie ihm erst mal eine Haartracht Prügel und nichts deutet darauf hin, dass dies der Ausgangspunkt einer wunderbaren Freundschaft oder sogar Liebe sein könnte. In seiner Begleitung setzt sie erstmals einen Fuß in die fremde Welt dort draußen und findet bald Gefallen daran.

Wie es sich für ein echtes Märchen gehört, spielt auch das Böse eine wichtige Rolle: hier zeigt es sich in Gestalt einer falschen Mutter, deren geheuchelte Liebe nur purem Eigennutz entspringt. Rapunzels wundertätiges Haar hält die alte Hexe Gothel nämlich jung – daher hat sie einst die neugeborene Königstochter geraubt und vor der Welt versteckt. Als klassische Rabenmutter impft sie das Mädchen mit Schuldzuweisungen und erzeugt permanent schlechtes Gewissen bei ihm, um es gegen die Verlockungen des Freiheitsdranges zu immunisieren. Weil ein Produkt aus dem Hause Disney neben dem reinen Unterhaltungswert immer auch eine erzieherische Mission verfolgt, eignet sich Rapunzel somit als ideale Identifikationsfigur für überbehütete junge Menschen, die sich gerade von den Eltern abnabeln.

Die Kleinsten stehlen oft den eigentlichen Stars die Show: das trifft besonders auf Rapunzels Maskottchen Pascal zu. Hinter diesem philosophischen Namen verbirgt sich ein Winzling von Chamäleon, der zwar nicht sprechen kann, aber eine ausgesprochen intensive Mimik besitzt. Auch das detektivisch veranlagte Pferd Maximus kann bestimmt mit zahlreichen Fans rechnen. Wie man sieht muss also nicht jeder vielversprechende Charakter über ein so ausgeprägtes Behaarungsvermöge wie die Titelheldin verfügen.