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09/02/2021

Intimitätskoordinatorin im Gespräch: So komplex sind Sex-Szenen

Österreichs erste Intimitätskoordinatorin spricht über ihre Arbeit und die Komplexität hinter Sex-Szenen.

Seit der #MeToo-Bewegung ist eine neue Berufsgruppe in der Filmbranche entstanden: Die IntimitätskoordinatorInnen. Sie sorgen auf Hollywood-Sets dafür, dass bei intimen Szenen persönliche Grenzen respektiert werden, und unterstützen RegisseurInnen bei der Inszenierung. Auch in österreichischen Produktionen spielen IntimitätskoordinatorInnen eine immer größere Rolle.

Cornelia Dworak ist die erste Intimitätskoordinatorin Österreichs und hat mit uns über die Herausforderungen und Aufgabenbereiche des Berufs gesprochen.

film.at: Sie haben ursprünglich als Stuntkoordinatorin angefangen. Wie kamen Sie dazu?

Cornelia Dworak: Ich habe mich immer schon sehr viel bewegt und viel Sport gemacht. Ich hatte unterschiedliche Interessen von Tanz über Kampf, bis hin zu Pantomime. Da hat es sich angeboten, zum Film zu gehen, wo ich mich anfangs hauptsächlich auf Spezialeffekte und auf das Doubeln von Stunts fokussiert habe. Seit 2009 koordiniere ich selbst Stunts für Projekte und betreue die Darsteller und Darstellerinnen.

Wie war der Übergang von der Stunt- zur Intimitätskoordination?

Der Übergang war fließend. Ich habe als Stuntkoordinatorin auch intime Szenen koordiniert, weil es teilweise Szenen gab, in denen sowohl Gewalt, als auch Intimität vorkam. Ich bin die einzige weibliche Stuntkoordinatorin in Österreich und bin sowohl in der Koordination von Stunts, als auch in der Koordination von Intimität sehr achtsam.

Ich hole die Schauspieler und Schauspielerinnen dort ab, wo sie sind. Ich habe mit ihnen Vorbesprechungen, damit sie bereits vor dem Dreh wissen, was auf sie zukommt. Wir entwickeln die Szenen gemeinsam und achten darauf, dass von ihnen nichts gefordert wird, was ihre physischen oder mentalen Grenzen überschreitet. Sie können immer ihr Veto einlegen.

Was ist der Aufgabenbereich einer Intimitätskoordinatorin?

Ich bin Vertrauensperson für Schauspielerinnen und Schauspieler. Ich bespreche, wo ihre Grenzen liegen, was sie tun möchten und was sie nicht tun möchten. Ich achte bei den Proben und den Dreharbeiten darauf, dass Szenen einvernehmlich entwickelt werden und man sich an Absprachen in der Vorproduktion hält.

Ich versuche gemeinsam mit der Regie, die Vision des Films umzusetzen und dabei einen sicheren Rahmen festzulegen. Ich bin auch ein Bindeglied für die unterschiedlichen Departments. Ich bespreche mit der Kameraperson die Choreografie und kann dadurch helfen, die gewünschten Bilder zu kreieren.

Mit der Kostümabteilung bespreche ich, wie wir die DarstellerInnen schützen können, da sie, auch wenn sie in einer Szene nackt aussehen sollen, nicht komplett nackt sein müssen. Mit dem Maskendepartment ist es möglich, etwaige Körperstellen zu überschminken. Wir hatten einmal ein Schamhaartoupet, damit DarstellerInnen in manchen Szenen noch ein Höschen anbehalten konnten.

Wie gestaltet sich Ihre Arbeit mit SchauspielerInnen, die ja oft sehr private Seiten von sich vor der Kamera zeigen müssen?

Der Unterschied ist ja eben, dass es nicht privat ist. Man wird zwar mit jemandem intim, den man normalerweise nicht so nah an sich heranlassen würde, aber man tut es für die Arbeit. Es gibt gewisse Regeln, an die man sich hält, und dabei ist es wichtig zu trennen, wer man privat und wer man in der Rolle ist, sodass man immer die Möglichkeit für einen Ausstieg hat.

Das ist etwas, was ich gleich am Anfang etabliere. Wenn wir zu arbeiten beginnen, egal ob es sich dabei um eine Probe oder einen Dreh handelt, es gibt immer eine Ausstiegsmöglichkeit. Wir vereinbaren eine rituelle Geste, damit klar ist, wann man privat und wann man in der Rolle ist.

Wir überlegen uns auch Bewegungskonzepte für die Rolle und denken auch darüber nach, wie sich die Figur anhören würde. Da gibt es natürlich auch das Gefühl, dass man nicht seinen privaten Orgasmus mit an das Set nehmen möchte, sondern der Figur einen eigenständigen Orgasmus gibt. Wir kreieren Soundrhythmen, um es nicht privat werden zu lassen, sondern um auf einer professionellen Ebene zu arbeiten.

Wie sieht die Zusammenarbeit mit der Regie aus?

Regisseure und Regisseurinnen sind bisher sehr erfreut gewesen, dass ich an ihrer Seite war. Auch von den Schauspielern und Schauspielerinnen bekomme ich das Feedback, dass es absolut erwünscht ist, die Grenzen zu kommunizieren.

Zum einen, um zu wissen, dass der Andere die eigenen Grenzen respektiert und zum anderen, um die Sicherheit zu haben, in welchem Rahmen ich mich bei der anderen Person bewegen darf. Wenn das unausgesprochen bleibt, denken DarstellerInnen ständig daran, nichts Falsches zu machen, und nehmen sich somit Kapazitäten weg, die sie für das Spiel bräuchten.

Die Regie ist auch sehr oft froh, wenn man dabei hilft, die Vision und die Idee der Geschichte in Bewegungssprache zu übersetzen. Wenn im Drehbuch steht "Sie küssen sich leidenschaftlicher", dann kann das alles sein. Jeder definiert "leidenschaftlicher" anders. Ich versuche, solche Begriffe in Bewegungen zu verwandeln, und wir versuchen dabei, den Interpretationsspielraum so gering wie möglich zu halten, damit sowohl Regie als auch DarstellerInnen wissen, was gefordert ist.

Wie sieht es mit der Nachfrage nach Intimitätskoordinatorinnen aus? Hat die Corona-Pandemie Ihre Arbeit beeinflusst?

Ich muss sagen, wahrscheinlich hat das auch mit der Entwicklung nach der #Metoo-Bewegung zu tun, dass ich dieses und letztes Jahr sehr viele Projekte betreut habe. Ich mache oft sowohl Stunt- als auch Intimitätskoordination, was sowohl für mich, als auch für die Darsteller und Darstellerinnen angenehmer ist.

In Österreich gibt es noch wahnsinnig viel Gesprächsbedarf, weil es dafür ja auch ein Budget geben muss, das früher nicht einkalkuliert wurde. In Wirklichkeit geht es dabei aber nicht nur um die Arbeit in der Filmbranche, sondern es geht um Achtsamkeit. Um Achtsamkeit im Umgang mit anderen Menschen und dass man Grenzen respektiert und lieber nachfragt, bevor man etwas tut. Das betrifft uns alle.

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