Filmkritiken
16.03.2015

Langzeitstudie aus dem Waldviertel

Noch rattern die Maschinen, noch marschieren die Webstühle. Eine Angestellte sitzt in einem Raum und faltet Stoffwindeln – "auf Reserve". Man merkt es gleich: Es geht zu Ende.

Die Textilfirma Anderl im nördlichen Waldviertel muss zusperren, der Besitzer ("Ich bin kein Konkursler") schickt seine Belegschaft in die Arbeitslosigkeit. Eine Handvoll Menschen – Männer und Frauen – müssen sich ihre Existenz neu überlegen. Der Doku-Filmemacher Nikolaus Geyrhalter hat sie über einen Zeitraum von zehn Jahren dabei begleitet – und faszinierende und berührende Menschenporträts geliefert.

"Was machen Sie den ganzen Tag?" hört man die Stimme des Filmemachers aus dem Off einen verstockten Waldviertler fragen. Und muss manchmal lange auf die Antworten warten. Oft fällt nur ein einziges Wort, eingebettet in langes Schweigen.

Geyrhalter lässt seinen Protagonisten Zeit und Raum, ihre Persönlichkeiten – auch in aller Schrulligkeit – zu entfalten. Für Herrn Semper beispielsweise ist die Arbeitslosigkeit weniger Tragödie als endlich Gelegenheit, seine Sammlung an deutschen Schlagern zu katalogisieren. Eine Ex-Kollegin übernimmt die Erziehung ihrer Enkel und bessert das Gehalt mit Dosensammeln auf.

Was zehn Jahre Arbeitslosigkeit für Ihren Mann bedeutet? "Er ist grantig geworden", sagt eine Ehefrau. Doch wir wissen längst mehr.