PACK DEN TIGER IN DAS BOOT


Mit einem Tiger ein Rettungsboot zu teilen, kann einige unschöne Nebeneffekte ergeben und man müsste schon ein sehr großer Tierfreund sein, um sich mit seiner Rolle als Frischfleisch abzufinden.

Der Film entstand nach dem gleichnamigen Roman von Yann Martel und deshalb ist es nur folgerichtig, wenn in einer Rahmenhandlung der wesentlich ältere Pi einem Autor seine Geschichte erzählt. Dabei holt er wirklich weit aus und berichtet zuerst von seinem geistigen Werdegang: Intellektueller Heißhunger machte ihn nicht nur zum Bücherverschlinger, sondern ließ ihn gleich mehrere Religionen nebeneinander praktizieren. Daher kommt ihm sein tragisches Abenteuer dann auch als eine Art außergewöhnliche Glaubensprüfung oder ausgefallenes religiöses Exerzitium vor.

Zuletzt können wir gar nicht mehr sicher sein, ob sich wirklich alles so zugetragen hat (inklusive dem Landgang auf einer von Erdmännchen bewohnten fleischfressenden Insel) oder nicht doch eine durch Pi gelieferte realistischere Zweitversion der Geschehnisse die größere Glaubwürdigkeit auf ihrer Seite hat. Welcher Fassung wir gefühlsmäßig den Vorzug geben, ist allerdings eine andere Frage, bei der unser wilder Richard Parker eindeutig wieder besser abschneidet. Pi-Darsteller Suraj Sharma konnte übrigens vor Beginn der Dreharbeiten nicht schwimmen – wäre es in dieser Beziehung nicht lernwillig gewesen, hätte er ihr Ende vermutlich gar nicht mehr erlebt.

Ang Lees erste Erfahrung mit der Welt des 3D-Kinos lässt ihn gleich zum wahren Meister dieser Technologie werden: bereits der Vorspann führt uns bei einem Zoobesuch die fantastischen Möglichkeiten einer wirklich sinnvoll genutzten dritten Dimension der Filmbilder vor; bald folgt dem die Wunderwelt des Meeres. Man kann sich gar nicht sattsehen an so viel Prachtentfaltung bei einer – freilich digital meist kräftig nachgebesserten - Flora und Fauna. Der Schiffbruch selbst wird zum absoluten visuellen Höhepunkt: wer sich hier nicht völlig von Salzwasser durchnässt auf seinem Kinosessel wiederfindet, hat eindeutig einen anderen Film gesehen oder zumindest die 3D-Brille falsch aufgesetzt. Und vielleicht wünschen sich nun viele Kinder einen virtuellen Tiger als neues Haustier.

Dem Film sind jedenfalls eine Menge realer Zuschauer zu wünschen und er hat sich die Höchstwertung von 10 Überlebensrationen für abenteuerlustige Seereisende verdient.

Schiffbruch mit Tiger

Schiffbruch mit Tiger

USA 2012

Life of Pi

Drama, Literaturverfilmung, Abenteuer
26.12.2012
Ang Lee
Die Überlebensgeschichte des Jungen Pi, der 227 Tage mit einem bengalischen Tiger an Bord eines Rettungsboots über den Pazifik treibt.
8.00

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