Filmkritiken
02/05/2013

PANIK IN DEN EIGENEN VIER WÄNDEN

von Franco Schedl

Ein dunkler Himmel hängt bedrohlich über den Dächern der Stadt. Mit diesem Bild beginnt und endet dieser kleine bedrohlich-düstere Film und schafft eine unheilschwangere Grundstimmung, wogegen auch die Weihnachtszeit, in der alles spielt, nichts ausrichten kann. Man würde nie auf die Idee kommen, dass es sich hier um ein Erstlingswerk handelt: die zwei jungen Schweden Johan Lundborg und Johan Storm haben bei Drehbuch, Regie und Schnitt gemeinsame Sache gemacht. Offensichtlich teilen sie sich nicht nur den Vornamen, sondern auch den Filmgeschmack: Ihre Liebe zu Hitchcock und Polanski hat sie zu ihrem eigenen Debüt inspiriert.

Von Samuel Fuller gibt es einen schwarz-weißen Thriller aus dem Jahr 1963 mit dem Titel „Shock Corridor“: dort lässt sich ein Journalist in ein Irrenhaus einweisen, um ein Verbrechen zu klären und hat natürlich schwer damit zu kämpfen, bei klarem Verstand zu bleiben. Es ist aber gar nicht nötig, den Schauplatz eines Psychothrillers in eine geschlossene Anstalt zu verlegen – eine noch viel beunruhigendere Wirkung stellt sich ein, sobald das Geschehen in einem offenen Wohnhaus und einer alltäglich vertrauten Umgebung vor sich geht.

Schlafmangel, Prüfungsstress, Einsamkeit, eine Überdosis an Kaffee, ein (fast bis zum Autismus) introvertierter schüchterner Charakter – das ergibt eine gefährliche Mischung, bei der es nur noch eines auslösenden Faktors bedarf, um eine Katastrophe heraufzubeschwören. Der Medizinstudent Frank erfüllt alle diese Kriterien, und als die neu eingezogene Nachbarin aus der Wohnung über ihm in sein Leben tritt, setzt diese Begegnung eine tragische (und mitunter tragikomische) Kettenreaktion in Gang, die mit einem Griff zum Hammer endet. Die Frau mit dem eher einfachen Gemüt arbeitet als Frisörin und hat das Talent, sich in die falschen Personen zu verlieben. Ihr aktueller Partner ist ein wesentlich älterer Fiesling mit ausgeprägtem Hang zur Gewalttätigkeit, dem sein Motorrad wichtiger zu sein scheint als die Frau. Der international bekannte Schauspieler Peter Stormare war von dem Projekt begeistert und übernahm die Rolle des bedrohlichen Freundes der Friseuse: er kommt dabei eher selten ins Bild, hinterlässt aber durch seine bullige Präsenz einen umso nachhaltigeren Eindruck.

Das Perfide an dem Film ist die konsequent durchgehaltene Perspektive: wir erleben alles durch Franks Augen, haben keinen Wissensvorsprung, müssen uns die gesehenen Vorfälle ebenso wie er zusammenreimen und kommen womöglich zu einem ähnlichen Ergebnis. Daher überträgt sich seine wachsende Verunsicherung und Verstörung unweigerlich auch auf uns und alles gipfelt in blankem Entsetzen und nackter Panik. Kürzer (in nur 75 Minuten) und konsequenter wurde diese Stimmung selten auf den Punkt gebracht, daher hat sich das starke schwedische Debüt 8 von 10 extradicken Sperrketten verdient.

Einem Medizinstudenten setzen aufdringliche oder gefährliche Hausbewohner zu - oder passiert alles nur in seiner überreizten Phantasie?