Filmkritiken
28.11.2013

SCHWULES BIOTOP DES (TÖDLICHEN) BEGEHRENS

Für viele Besucher der diesjährigen Filmfestspiele in Cannes war Alain Guiraudies „Der Fremde am See“ der heimliche Lieblingsfilm. Wer weiß, was passiert wäre, hätte man ihn im Hauptwettbewerb gezeigt. Tatsächlich lief das hypnotische Erotik-Thriller-Drama in der Programmschiene „Un certain regard“ und erhielt dort den Regie-Preis und die „Queer Palm“.

Guiraudie siedelt sein minimalistisches, punktgenau erzähltes Szenario an einem idyllischen See in Südfrankreich an. Es herrscht brütende Sommerhitze. Jeden Tag parken Männer ihre Autos am Parkplatz, durchqueren ein kleines Wäldchen und setzen sich ans Seeufer. Dort checken sich sich gegenseitig ab und suchen nach einem Partner, mit dem sie in den Büschen verschwinden können.

So auch der hübsche, junge Franck. Schwitzend betrachtet er das Angebot und unterhält sich dazwischen mit einem etwas älteren, dicklichen Mann. Zwischen den ungleichen Besuchern entsteht so etwas wie Freundschaft. Doch sein begehrendes Auge hat Franck auf einen mysteriösen Unbekannten geworfen, dessen Erscheinung stark an Tom Selleck erinnert. Von dem Unbekannten geht allerdings auch eine tödliche Gefahr aus, die ihre Schatten auf das Paradies sexueller Entfesselung wirft. In aller Selbstverständlichkeit – auch gegenüber einem Mainstream-Publikum – entwirft Guiraudie ein Biotop schwulen Begehrens und zeigt expliziten Sex. Inmitten einer fantastisch flirrenden Natur, die er intensiv libidinös auflädt – um sie dann langsam in einen kriminalistischen Albtraum zu entladen. Der Fremde am See.