"Son of Saul": Eine Odyssee durch den schrecklichsten Ort der Welt

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Die Handkamera haftet ständig an der Hauptfigur Saul Ausländer, fängt sein Gesicht in Großaufnahme ein, umkreist ihn und  folgt den Wegen dieses Mannes, der als Mitglied des sogenannten Sonderkommandos  im KZ Auschwitz-Birkenau eine schreckliche Aufgabe erfüllt: er sammelt die Habseligkeiten jener unglückseligen Neuankömmlinge ein, die von den Nazis direkt in die Gaskammer geschickt werden. Auch mit dem Abtransport der Leichen und der Säuberung dieser Todeskammern ist er betraut.

Nachdem er einen jungen Toten als seinen Sohn identifiziert hat (ob das tatsächlich stimmt, bleibt offen), unternimmt er unglaubliche Anstrengungen, um dem Leichnam ein angemessenes Begräbnis zu ermöglichen. Bei der  Suche nach einem Rabbi, der die  standesgemäße  Einsegnung durchführen soll, gerät sein privates Interesse in Konflikt mit den Plänen seiner Gruppe, da die Mitglieder des Sonderkommandos einen Aufstand planen,  zu dessen Gelingen Saul ebenfalls beitragen muss.

Nemes Film hat weder etwas mit einer Art von allzu biederem Betroffenheitskino zu tun, noch will er es den Zuschauern visuell  leicht machen. Der grauenvolle Alltag im Konzentrationslager wird uns durch die Erzählperspektive nämlich nur fragmentarisch zugänglich. Zwar sind in vielen Szenen die Haufen der nackten Leichen oder andere Spuren der Vernichtung im Hintergrund präsent, dennoch bleibt vieles unserer Phantasie überlassen – auch bewusst gesetzte Unschärfe trägt zu dieser Wirkung bei.  Wir fühlen uns als Begleiter von Sauls Odyssee, die sich innerhalb weniger Stunden zuträgt, oft desorientiert und sind mitunter überfordert, weil wir ohne Erklärungen mitten ins Geschehen hineinversetzt werden. Die  genauen Abläufe in diesem System des Terrors sind uns nicht vertraut und auch die  Strukturen und Instanzen innerhalb des Lagers bleiben uns großteils fremd. Zur allgemeinen Verwirrung trägt auch ein  vielstimmiges Sprachengemisch bei, zusammengesetzt aus Jiddisch, Polnisch, Ungarisch und Deutsch (wobei hier die hingebellten Kommandoworte oder  Beschimpfungen überwiegen).

Der Film  ist ein Trip ins Inferno und führt uns an einen der schrecklichsten Orte, die jemals existiert haben. „Son of Saul“ zeigt uns das Leben im KZ auf eine unerwartete und bisher ungesehene Weise.

9 von 10 Gedenkpunkten.

franco schedl

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Son of Saul

Son of Saul

H 2015

Saul fia

Drama, Thriller, Kriegsfilm / Antikriegsfilm, Geschichtsfilm
17.03.2016
László Nemes
Regisseur László Nemes zeigt uns in seinem mit dem Golden Globe ausgezeichneten Erstlingswerk eine neue, ganz intime Perspektive auf den Holocaust.
7.90

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