Filmkritiken
13.05.2014

STADTZERSTÖRUNGSPROGRAMM AUF JAPANISCH

Das Meer ist sein Swimmingpool, Hochhausfassaden zertrümmert er im Vorübergehen mit einer ungeschickten Schwanzbewegung, der Eiffelturm dient im bestenfalls als Zahnstocher und seine Größe lässt selbst King Kong als Winzling erscheinen. Die Rede ist natürlich von Japans beliebtestem Echsen-Export, der heuer seinen 60. Geburtstag feiert. Grund genug für Hollywood, nach Roland Emmerichs Monster-Spektakel von 1998 den zweiten außerhalb Japans produzierten Godzilla-Film auf den Markt zu bringen – und diesmal endlich in 3D.

Der einzig echte Godzilla lässt aber ziemlich lange auf sich warten. Stattdessen bekommen wir es in der ersten halben Stunde mit einem ungefähren Altersgenossen (Jahrgang 1956) von ihm zu tun: Bryan Cranston, der unvergessliche Walter White aus „Breaking Bad“, bringt in das actionlastige Großprojekt eine Ahnung von wahrer Schauspielkunst und echter Tragik (in einem Kurzauftritt hilft ihm auch Juliette Binoche dabei), kann sich aber leider nicht allzu lange behaupten, weil ihm Monster und Militaristen den Rang bald streitig machen.

Die restlichen 100 (aber gefühlte 200) Minuten liefern sich wehrhafte Menschen und noch wehrhaftere Riesenviecher erbitterte Kämpfe, bei denen zwar die Schauplätze wechseln, aber das Vernichtungswerk kaum Variationen zulässt - Hauptsache, alles geht in Trümmer. Nur Aaron Taylor-Johnson, der als Cranstons Filmsohn auftritt, lässt sich nicht unter kriegen: der taffe Bursche bleibt den mutierten Bestien immer auf der Spur und übersteht selbst die unglaublichsten Untergangs-Szenarien fast unbeschadet.

Regisseur Gareth Edwards und sein Team zelebrieren die hohe Kunst des computergenerierten Verwüstens von Großstädten und präsentieren sozusagen ein best of disaster: Die größten (Natur)katastrophen des neuen Jahrtausends - von 9/11 über den Tsunami von 2004 bis Fukushima - werden hier nachgespielt und erfahren bezüglich ihrer Ursachen eine ganz eigentümliche Deutung. Die Menschheit ist durch ihre atomaren Umweltsünden nämlich selber am heraufbeschworenen Unheil Schuld. Eine ganz spezielle Abart dieser Monster mampft z.B. radioaktiven Müll und Atomsprengköpfe für den kleinen Hunger zwischendurch und gewinnt dank solcher Kraftnahrung an zusätzlicher Größe.

Orientiert man sich an Emmerichs „Godzilla“ müsste man mit einem bösartigen Monster rechnen, von dem die Welt nichts Gutes zu erwarten hat. Dass es auch anders geht, hat uns bereits Filmkritiker Georg Seeßlen vor 16 Jahren in einem Aufsatz mit dem programmatischen Titel „Vom großen Zerstörer zum großen Freund – die japanischen Godzilla-Filme“ klar gemacht hat. Viel interessanter sind allerdings die unmutierten Tiere. Wenn unverhofft ein Vogel gegen das Fenster eines Schulbusses knallt, ergibt das eine wesentlich größere Schockwirkung als alle ins Gigantische aufgeblähten Monster-Kämpfe. Darum gilt: Kleintier macht auch Angst. Man sollte also ruhig wieder den Winzlingen das Feld überlassen. (Und eine größere Rolle für Bryan Cranston wäre sowieso Pflicht gewesen.) Wir lassen für das perfekt inszenierte aber doch ziemlich langatmig umgesetzte Zerstörungs-Spektakel 7 von 10 Godzilla-Brüllern erschallen.