The Walking Dead: Warum Carls Tod das Ende der Zombie-Serie einläutet

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Wieder einer weniger in der Zombie-Seifenoper "The Walking Dead". Carl ist tot. Das sollte nicht weiter verwundern: Das Motto der TV-Serie ist schließlich: "Nobody is safe!" Gemeint ist damit aber nicht das unsichere Umfeld, das eine Zombie-Apokalypse nun einmal darstellt. Vielmehr geht es hier um das oberste Prinzip der Serie: Jeder Charakter kann sterben. Aber diesmal war es nicht irgendein Charakter: Carl war neben Rick, Michonne, Daryl, Carol und Morgan seit der ersten Staffel dabei. Sein Tod ist anders als der von Dale, Shane, Lori, Andrea, Hershel und zuletzt Abraham und Glenn. Mit dem Ableben von Carl geht der ohnehin schon handlungsschwachen Serie endgültig die erzählerische Substanz verloren – und zwar aus folgenden Gründen:

Vater-Sohn-Geschichte ist zu Ende

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Dass es bei "The Walking Dead" nicht um die Zombies geht, dürfte inzwischen allen klar sein. Aber es geht auch nicht darum, das postapokalyptische Leben einer beliebigen Gruppe von Überlebenden zu verfolgen. Es wäre einfach nur langweilig, irgendwelchen Figuren beim Sterben zuzusehen. Es müssen schon Charaktere sein, die uns bewegen. Am besten Familie! Und genau darum geht's bei "The Walking Dead": Die größere Geschichte war von Anfang an eine Vater-Sohn-Geschichte.

Alle Fragen, die sich Rick – und damit die Serie selbst – stellt, lassen sich von seiner Motivation ableiten, seine Familie und letztlich seinen Sohn Carl das Überleben zu sichern. Angefangen von: Kann ich mir blindes Vertrauen gegenüber Fremden noch leisten, wenn wieder das Recht des Stärkeren herrscht und das Lebensmotto wieder lautet: "Fressen oder gefressen werden"? Oder ist man dann wieder zurückgeworfen auf großfamiliäre Strukturen? Clans?

Zwar hat die TV-Serie dank Ricks kleiner Tochter Judith noch ein As im Ärmel. Die kleine Judith kann zumindest als Antrieb für Rick einspringen. In die Fußstapfen ihres Halbbruders (sie ist ja eigentlich die Tochter von Lori und Shane) wird sie aber kaum hineinwachsen können.

Carl war die Hauptfigur der Serie

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Denn Carl war die eigentliche Hauptfigur der Serie. Nicht nur als die fundamentale Motivation von Rick. Diese Funktion kann Judith sofort übernehmen. Und Carl hat ja Rick in der pathetischen Episode "Honor" seine Vision von einer weniger gewalttätigen Welt als Auftrag mitgegeben. Netter Trick. Aber Carl ist auch deshalb die Hauptfigur, weil "The Walking Dead" (bisher) eigentlich seine Geschichte erzählt: Die des künftigen Messias der neu entstehenden Zivilisation. Carl Grimes war für "The Walking Dead" was John Connor für "Terminator" ist. Aufgewachsen in den Trümmern der gefallenen Zivilisation. Und was wäre "Terminator" ohne John Connor? Wie langweilig wäre die Story von Sarah Connor, wenn Skynet ihren Sohn endgültig getötet hätte. Dann würden nur ein paar Roboter aus der Zukunft beliebige Leute in der Gegenwart umbringen. Gähn!

Nun muss wohl Judith das Kind werden, dass während der Zombie-Apokalypse zum Führer einer neuen Welt heranwächst. Ob das Publikum dafür genügend Geduld aufbringt, ist angesichts der sinkenden Einschaltquoten zu bezweifeln.

Carls Tod treibt die Handlung nicht voran – im Gegenteil

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Carls Tod ist auch deshalb der Sargnagel für die TV-Serie, weil er die Handlung in keiner Weise vorantreibt oder die Geschichte irgendwie unterstützt. Im Gegenteil wird damit die Tür für viele künftigen Handlungsoptionen geschlossen. Schon bei Abraham und Glenn stand vor allem der kurzfristige Schockeffekt im Vordergrund. Doch Abraham und Glenn waren wichtige, gut eingeführte Charaktere, aber keine Hauptfiguren. Auch in "Game of Thrones" starben massenweise wichtige Charaktere. Aber die Hauptcharaktere sind wohl erst in der letzten Staffel dran, wenn überhaupt. "The Walking Dead" hat nun seine Hauptfigur gekillt. Carl hat noch schnell seine dramaturgischen Funktionen als Auftrag an Rick und seine Schwester Judith weitergegeben. Aber es ist weit und breit kein Ersatz für seine Rolle zu sehen. Jeder kann sterben, aber bei den Hauptfiguren sollte man sparsam sein – vor allem, wenn man nur zwei davon hat.

TV-Serie hat Emanzipation von der Comic-Vorlage verpasst

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Wer die Comic-Vorlage kennt, weiß, dass Carl bei künftigen Handlungsbögen seinem Vater immer mehr die Show stiehlt. Daher kann der Comic-Vorlage nicht mehr so einfach gefolgt werden wie bisher. Und im Gegensatz zu dem, was der TV-Sender AMC und Showrunner Scott M. Gimple immer behaupten, hat "The Walking Dead" genau das bisher getan. Die gravierendsten Plot-Adaptionen wurden in den ersten beiden Staffeln gemacht. Danach hielt sich Gimple recht eng an die Comic-Vorlage. Die Comic-Plots wurden meist übernommen, oft in die Länge gezogen, selten gekürzt und manchmal durch eigene TV-Plots unterbrochen. Starb ein Charakter in der TV-Serie, wurde seine Rolle bei künftigen Plots einfach von einem anderen Charakter übernommen. Nun ist damit wohl Schluss. Aber in der TV-Serie ist weit und breit kein Ersatz für die zentrale Geschichte von Rick und Carl zu sehen – auch nicht durch beliebte Nebenfiguren wie Carol oder Daryl. Der Tod von Carl kann daher nur als eine hysterische Reaktion auf die fallende TV-Quote in den USA gewertet werden. Doch mit diesem Schritt hat der Sender AMC wohl der Originalserie "The Walking Dead" den Todesstoß verpasst.

Erwin Schotzger

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