Filmkritiken
04.03.2014

TIEFE FAMILIENGEHEIMNISSE

Tracy Letts Pulitzerpreis gekröntes Theaterstück „Im August in Osage County“ ist nun auch auf der Leinwand zu bestaunen. Mit all seinen Intrigen, Affären und sonstigen Leichen im Keller. Letts hat sinnvollerweise auch gleich selbst das Drehbuch verfasst und so können wir uns die Tragikomödie mit ihren großartigen Schauspielern später noch einige Male zuhause ansehen, um noch tiefer in den familiären Abgründen zu stöbern.

Nach dem rätselhaften Tod von Beverly Weston kommt die Familie aus allen Himmelsrichtungen zurück nach Osage County. Mutter Violet, bissig und verbittert, trauert auf ihre eigene, unversöhnliche Weise. Sie schluckt mehr Schmerzmittel als ihr gut tut und lässt an nichts und niemandem ein gutes Haar. In ihrem Haus im schwülheißen Oklahoma sind weder die drei Töchter noch die angeheiratete Verwandtschaft vor ihren Beschimpfungen sicher. So dauert es nicht lange, bis alte und neue Konflikte aufbrechen und man sich buchstäblich an die Kehle geht. Für die Töchter Barbara, Karen und Ivy ist klar, dass etwas geschehen muss. Aber Violet ist längst nicht so hilflos, wie alle glauben. Besser als jeder andere durchschaut sie, was sich hinter den Kulissen abspielt und sie kennt auch die intimsten Familiengeheimnisse...

Mit der Besetzung hat John Wells einen wahren Glücksgriff bewiesen. Allen voran Meryl Streep, die uns mit ihren wandlungsfähigen Auftritten immer wieder verblüfft und sich als tablettensüchtige Neurotikerin die Seele aus dem Leib spielt. Julia Roberts steht ihr aber um nichts nach, wenn es darum geht, sich in Schreiduellen zu bekriegen, welche – bei diesen Kontrahentinnen wenig überraschend – meist unentschieden enden. Egal ob Benedict Cumberbatch als von seiner Mutter untergebutterter und wenig respektierter Schönling, Ewan McGregor als verzweifelter Ehemann oder Juliette Lewis als kunterbunt-naives Männeranhängsel - hier reihen sich die Top-Leistungen aneinander.

Je tiefer es in die geheimnisvollen Abgründe geht, umso mehr blühen die Akteure auf und damit auch die Anspannung fürs Publikum. Ja, man erhält eine gute Vorstellung, wie es in so manchen Familien zugehen kann und sollte richtig dankbar dafür sein, wenn es in der eigenen Familie keine derartigen Probleme gibt. Die Menschlichkeit steht groß im Vordergrund und man fühlt sich in jeder Lage den Charakteren verbunden.

John Wells beschert uns einen wahrhaft tiefgründigen Film, der auf Langatmigkeit verzichtet, denn durch jedes Türenöffnen bahnt sich sozusagen eine neue Intrige an, die uns mal mit einem herzlichen Lachen, einer verhaltenen Peinlichkeit oder einer kleinen Träne zurücklässt. In der brütenden Hitze Oklahomas erleben wir laufend Schuldzuweisungen, tiefe Geheimnisse, einen kalten Entzug, unbeabsichtigten Inzest und durch die Gegend fliegendes Geschirr… - 9/10 Sternchen