Filmkritiken
16.04.2013

TIPP...TIPP..TIPPTIPPTIPP

Eine Filmkritik zu tippen kann ganz schön anstrengend sein, wenn man mit verkrampften Handgelenken daran herangeht oder den Zehn-Fingersatz nicht beherrscht. Im Gegensatz zum Sekretärinnenleben muss man sich dabei aber nicht wirklich beeilen und hat auch keine lästige Stimme eines großen Chef-Diktators im Ohr, weil man seine Gedanken gemächlich selber zusammensucht. Im Gegensatz dazu steht heute ein Film, bei dem das Tastenhämmern gar nicht schnell genug gehen kann.

Die zauberhafte Belgierin Déborah François hat bereits vor sechs Jahren als hintergründig-gefährliches „Mädchen, das die Seiten umblättert“ Aufmerksamkeit erregt. Ihre jetzige Rolle ist da wesentlich weniger undurchschaubar gehalten, was aber nicht bedeutet, dass sie nicht auch hier als resolute Provinzlerin für einige Überraschungen sorgt: immerhin arbeitet sie sich von der 2-Finger-Tippse zur Weltmeisterin des 10-Finger-Systems hoch und angelt sich nach etlichen Hemmnissen auch noch den passenden Mann.

Aber Moment: die Schreibmaschinen-Modelle im Film sehe ziemlich antiquiert aus. Tatsächlich haben wir es hier mit einer Liebeskomödie im Stil der 50er-Jahre zu tun, wenigstens in Betreff der Ausstattung, denn der Film selbst kann und will natürlich nicht ausblenden, dass wir uns bereits im 21. Jahrhundert befinden und legt viele optische Fallen aus: wer nicht nur Finger zum Tippen sondern auch Augen zum Sehen hat, wird etliche Anspielungen erkennen, die von Doris Day-Komödie oder Audrey Hepburn-Romanzen über „ Vertigo“ tatsächlich bis „Rocky“ reichen. Weil der spröde Bürochef einfach nicht fähig ist zu erkennen, wie sehr er geliebt wird, möchte „Mademoiselle Populaire“ zwischendurch auch ein Douglas Sirk’sches Melodram sein, was nun aber überhaupt nicht funktioniert: statt großen Gefühlen und Dramatik wird nur Zuckerwatte und Retro-Look geboten.

Immerhin läuft Regisseur Régis Roinsard (der bei seinem Vornamen kaum einen anderen Beruf ergreifen konnte) zu Hochform auf, sobald es darum geht, die sportlichen Höhepunkte wiederzugeben. Der Film bietet fast ein halbes Dutzend solcher Wettkämpfe und Roinsard gibt sich jede erdenkliche Mühe, diese an sich ziemlich blutlosen Tippsel-Marathons mit kreisenden Kameras oder blitzschnellen Zwischenschnitten so einfallsreich und rasant wie möglich in Szene zu setzen. Tippen als Leistungssport: Schreibmaschine und Maschinenmädchen ergänzen einander und verschmelzen zu einer technischen Einheit, aber auch das Zwischenmenschliche kommt nicht zu kurz, besonders wenn sich die beiden im großen Finale übrig gebliebenen Kandidatinnen über ihre Tastengeräte hinweg angiften oder vor dem alles entscheidenden Durchgang psychologisch wohl abgewogene Worte bei den nervösen Mädchen Doping-Dienste leisten.

Eigentlich hat Roinsard eine klassische Karriere durchlaufen: nach Videoclips und Werbefilmen legt er nun seine erste abendfüllende Produktion vor und braucht volle 111 Minuten, bevor er uns als glorreichen Höhepunkt die Erfindung der Kugelkopfschreibmaschine präsentiert (weshalb man sein Werk eigentlich auch als verkappten Werbefilm auffassen könnte). Wir gestehen der französischen Tippmamselle 7 von 10 fachgerecht ineinander verhakten Schreibmaschinetasten zu.