Uxbals langes Sterben

Das chaotische Leben der Hauptfigur Uxbal (Javier Bardem in einer seiner stärksten Rollen) lässt Assoziationen an einen friedlichen Alltag gar nicht erst zu: in einem verkommenen Barcelona, weit abseits aller touristentauglicher Schönheit, hält er sich mit zwielichtigen Geschäften über Wasser, schlägt aber als Arbeitsvermittler illegaler Einwanderer aus der Not anderer nicht nur Geld für sich heraus, sondern hat zugleich ein Herz für alle, denen es noch schlechter geht als ihm. So kümmert er sich um die Familien jener Afrikaner, die auf dem Schwarzmarkt Raubkopien verkaufen und nebenbei dealen, aber genauso um Chinesen, die als billige Arbeitskräfte eingeschleust wurden und die Nächte zusammengepfercht in einem von außen verschlossenen Kellerraum verbringen müssen.

Obendrein betreut er als alleinerziehender Vater seine beiden Kinder, da der psychisch instabilen Frau das Sorgerecht aberkannt wurde (in dieser Rolle gab die unglaublich gute argentinische Theaterschauspielerin Maricel Álvarez ihr Filmdebüt).

Aber diese großen und größeren Probleme treten im Vergleich zu einer anderen Tatsache in den Hintergrund: Uxbal ist unheilbar an Krebs erkrankt und hat nur noch wenige Monate zu leben.

Das hört sich alles gar nicht biutiful an, sondern eher, als wäre im Kaufpreis einer Kinokarte zugleich eine Handvoll Antidepressiva mitenthalten. Bei all seiner zweifellos niederdrückenden Tristesse und dem Changieren zwischen Sozial- und Milieustudie, Familien- und Sterbedrama, strahlt der Film aber dennoch eine große poetische Leichtigkeit aus und bietet oft unerwartete Szenen von entrückender Schönheit.

Iñárritu schafft es in seinen Meditationen über unsere Sterblichkeit und die Fragilität des Lebens, im prosaischen Alltag kleine Zaubernischen zu eröffnen: sogar eine schrundige Zimmerdecke verwandelt sich bei ihm in einen geheimnisvollen Blickfang.

Außerdem spielt immer wieder die Andere Welt – auch Jenseits genannt - mit hinein und nimmt der Handlung ihre unerbittliche Schärfe. Uxbal verfügt nämlich über die Gabe, mit Verstorbenen in Kontakt zu treten und wird von Hinterbliebenen dafür bezahlt, den Toten Seelenfrieden zu verschaffen. Obwohl also gerade er zum Tod eine besondere Beziehung unterhält, akzeptiert er das eigene Ende nicht bedingungslos, sondern lehnt sich in einer verzweifelten Anstrengung dagegen auf.

Vergeblich natürlich, denn wir haben inzwischen längst bemerkt, was es mit den beiden irritierenden Eingangsszenen für eine Bewandtnis hat: in ihnen wird das absolute Ende vorweggenommen und der ganze Film offenbart sich als jene Sekunden im Gehirn eines Sterbenden, in denen man angeblich noch einmal sein Leben Revue passieren lässt.

Als kostenlose Draufgabe versorgt uns Iñárritu mit einer zoologischen Information: angeblich erbricht eine Eule zum Zeitpunkt ihres Todes einen Haarball. Ganz egal, ob das nun stimmt – ich spucke auf jeden Fall 8,5 Punkte für diese lebensfrohe Todesfuge aus.

Biutiful

Biutiful

Mexico/Spanien 2010
Drama
27.05.2011
Alejandro González Iñárritu
Ein Film voller Poesie. Ein Gedicht über Liebe, Glaube, Hoffnung und Vergebung, dessen entschlossene Härte einem den Atem raubt und dessen unendliche Zärtlichkeit man nie mehr vergisst.
7.50

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