© Le jeune Ahmed

Viennale-Kritiken
10/30/2019

Viennale Tag 5: Auf der Suche nach dem Sinn des Lebens

Die heiß erwarteten internationalen Festivalhits waren nun endlich auch in Wien zu sehen.

von Oezguer Anil

Die neuen Werke von drei Meisterregisseuren wurden am fünften Tag der Viennale im Gartenbaukino präsentiert. Alle Arbeiten kennzeichneten sich durch Glaubensfragen und der Frage nach dem Sinn des Lebens. Während die Brüder Dardenne ein politisch brisantes Drama präsentierten, blieb der Schwede Roy Andersson seinem lakonischen Humor treu. 

Le jeune Ahmed

Der dreizehnjährige Ahmed weigert sich, seiner Lehrerin die Hand zu geben, ein echter Muslim würde das nicht tun, hat ihm der Imam gesagt. Innerhalb von wenigen Monaten radikalisiert sich der ruhige Junge und glaubt einen heiligen Krieg gegen die vermeintlich Ungläubigen führen zu müssen. Die Brüder Dardenne trumpfen hier wieder mit einem gesellschaftlich brisanten Thema auf, aber verzichten auf einfache Schuldzuweisungen sondern kreieren ein komplexes Bild eines Jugendlichen, der es verlernt hat, Richtig von Falsch zu unterscheiden. Das belgische Regieduo ist seit über 20 Jahren für ihre scharfe Kapitalismus- und Klassenkritik bekannt, die Hauptfiguren ihrer Filme sind meist aktive Charaktere, die um die Wahrung ihrer Würde kämpfen. In „Le jeune Ahmed“ ist der Protagonist erstmals passiv und für den Zuseher nie zu durchschauen, erst durch seine Taten erlangt man einen Zugang zu seiner Psyche. Ein komplexes und berührendes Meisterwerk, das definitiv zu den Kinohighlights des Jahres zählt.

Über die Unendlichkeit

„Was soll man denn tun, wenn man an nichts mehr glaubt?“ mit dieser und ähnlichen großen Frage beschäftigt sich der neue Film von Roy Andersson. In seinen Kult gewordenen Sketches karikiert er das menschliche Leiden und die quälende Frage nach der Unendlichkeit. Themen wie Tod, Trennung und Glauben werden hier zu grotesken Szenen verdichtet, die trotz ihrer Stilisierung ihren wahren Kern beibehalten. Neben lustigen Momenten scheut der schwedische Regisseur auch vor tragischen Ereignissen nicht zurück, die er wohldosiert in die vom lakonischen Humor geprägten Handlung einbaut. Im Gegensatz zu seinen vorherigen Werken verzichtet Andersson auf zahlreiche Pointen, um den Blick auf die spannende Frage, ob es die Unendlichkeit gibt, nicht zu verstellen. „Über die Unendlichkeit“ ist ein intellektuell anspruchsvoller und visuell atemberaubender Film, der durch seine Stilisierung mit keinem anderen Kinoerlebnis zu vergleichen ist.

Nächste Vorführung: 5.11 um 18 Uhr im Stadtkino

To the Ends of Earth

Yoko ist eine japanische Fernsehmoderatorin. Um den Fang eines mystischen Fisches zu filmen, reist sie mit ihrer Filmcrew nach Usbekistan. Der Fischfang erweist sich schwerer als erwartet, und Yoko beginnt sich nach anderen Geschichten im Land umzusehen. In ihrer Langeweile testet sie einen Vergnügungspark, schenkt einer Ziege die Freiheit und entdeckt ihre Liebe für Musik wieder. In absurden Episoden stellt Kiyoshi Kurosawa die Eigenheiten von Japanern und Usbeken gegenüber. Die Filmschaffenden werden hier zu Marionetten ihrer Arbeit und sind bereit, absurde Hürden in Kauf zu nehmen, nur um etwas zu finden, von dem niemand weiß, ob es wirklich existiert. „To the Ends of the Earth“ ist eine komödiantische Parabel über die verzweifelte Suche nach Freiheit und eine pointierte Kritik an unsere von Bildern überflutete Gesellschaft.

Nächste Vorführung: 6.11 um 18:30 im Filmmuseum