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Viennale-Kritiken
10/31/2019

Viennale Tag 6: Erste Enttäuschungen

Jedes Festival hat seine Tiefpunkte, davon bleibt auch das Viennale-Publikum nicht verschont.

von Oezguer Anil

Mit „The Lighthouse“ stand am Mittwoch einer der meisterwarteten Filme des Jahres am Viennale-Programm, das machte sich auch bei den Reservierungen bemerkbar. Die Tickets waren in kürzester Zeit ausverkauft und wer doch noch eines der begehrten Sitzplätze ergattern wollte, musste Stunden vorher im Foyer des Gartenbaukinos anstehen. Nach dem hochkarätig besetztem US-Drama war mit „Zombi Child“ ein französischer Genrefilm mit einer vielversprechenden Synopsis der nächste Publikumsmagnet des Abends.

The Lighthouse

Ephraim (Robert Pattinson) begibt sich für vier Wochen auf eine kleine kanadische Insel, um als Assistent des erfahrenen Leuchtturmwärters Tom (Willem Dafoe) anzufangen. Kurz nach seiner Ankunft wird Ephraim in seinen Träumen von Fabelwesen heimgesucht. Als dann auch noch die Möwen beginnen, sich seltsam zu verhalten, kommt es zu immer größeren Spannungen zwischen den beiden Männern. Der Trailer von „The Lighthouse“ sorgte im Internet bereits für große Furore, Arthaus-Liebhaber hofften endlich „Joker“ einen ebenbürtigen Oscar-Kandidadten entgegenhalten zu können, doch weitgefehlt. Das Ende des 19. Jahrhunderts angesiedelte Historiendrama kann leider nur durch eine fantastische Kameraarbeit und zwei atemberaubende Hauptdarsteller punkten. Die Handlung beschränkt sich auf immer wiederkehrende Saufgelage, die in einen Faustkampf münden und schließlich damit enden, dass sich die Betrunkenen wieder in den Armen liegen. Das komplett in Schwarz-Weiß gehaltene Kammerspiel ist bisher die größte Enttäuschung bei der Viennale und dürfte es auch beim Kinopublikum schwer haben. Eine Oscar-Nominierung für Pattinson und Dafoe wäre wünschenswert, aber beide dürften sowieso dem lachenden Anti-Helden des Jahres unterliegen.

Nächste Vorführung: 5.11 um 23 Uhr im Gartenbaukino.

Zombi Child

Wer auf der Viennale einen Zombiefilm sehen will, sollte sich auf keinen Fall „Zombi Child“ anschauen. Der irritierende Titel macht erst nach der Sichtung des Coming of Age-Dramas Sinn, denn hier werden weder Gehirne gefressen noch steht die Apokalypse bevor. Die haitianisch-stämmige Schülerin Melissa kommt als einziges dunkelhäutiges Mädchen auf eine Eliteschule in Paris. Während sie versucht, in eine Mädchengruppe aufgenommen zu werden, sehen wir parallel dazu die Zombifizierung ihres Großvaters im Haiti der 60er Jahre. Regisseur Bertrand Bonello stellt brisante Fragen über kulturelle Zugehörigkeit und die Verantwortung die damit einhergeht. Trotz spannenden Momenten und grusligen Voodoo-Zaubern kann „Zombi Child“ nicht wirklich mit anderen französischen Filmen des Viennale-Programms mithalten. Der Regisseur ist zur Zeit in Wien und hält am 31.10 um 19 Uhr eine Masterclass in der Kunsthalle.

Nächste Vorführung: 1.11 um 23:30 im Gartenbaukino