Filmkritiken
30.03.2011

VIRTUELLER SHOOUTOUT FÜR LOLITAS

In Zack Snyders neuem Werk ist alles möglich und gerade darum entzieht es sich einer eindeutigen Zuordnung: was in der einen Minuten wie ein Revuefilm mit spärlich bekleideten Tänzerinnen wirkt, kippt im nächsten Moment in ein Psychodrama à la „Girls interrupted“, nur um die Zuschauer gleich darauf mit einem Schloss, das von Rittern und Drachen bevölkert wird, zu konfrontieren und uns wenig später in einen Schützengraben des ersten Weltkriegs oder auf einen futuristischen Planeten zu versetzten (aber zwischendurch ziehen auch Samurai-Krieger des 15. Jahrhunderts ihre Schwerter). Einzige Konstante im Bildersturz sind ein paar hübsche Mädchen, die in allen bizarren Szenerien um ihr Leben kämpfen müssen – ein „Kill Bill“ hoch 5 sozusagen. Doch entgegen Snyders sonstiger Vorlieben wird „Sucker Punch“ von jugendfreier Gewalt beherrscht und etliche Morde durch Schuss oder Stichwaffen gehen erstaunlich unblutig über die Bühne (was auch mit Entschärfungen im Hinblick auf FSK zu tun hat).

Als äußerer Schauplatz in dieser vom Regisseur selbst erdachten Geschichte dient eine düstere psychiatrische Klinik im Vermont der 60er Jahre, wo Babydoll ( Emily Browning) nach traumatischen Erlebnissen gelandet ist und auf Leidensgenossinnen mit nicht minder ungewöhnlichen Namen wie Sweet Pea, Rocket, Amber oder die schwarzhaarige Blondie trifft. Gemeinsam treten sie vor dem sadistischen Wächter Blue und der überforderten Ärztin Madam Gorski eine Flucht an, die sie allerdings nach Innen führt, denn die Kraft der Phantasie erlaubt ihnen Schauplatzwechsel in Gedankenschnelle und mit Hilfe eines virtuellen Waffenarsenals rücken sie ihren wechselnden Widersachern zu Leibe. Ein weiser Alter (Snyders guter Freund Scott Glenn) erteilt dabei als Stimme der Vernunft nützliche Ratschläge und stellt ihnen nach dem Auffinden von 5 Talismanen die Freiheit als großes Ziel vor Augen.

Eine psychologische Deutung würde nahelegen, in Babydolls Freundinnen vier verschiedene Aspekte ihres Wesens und im Weisen die Stimme ihres Über-Ichs zu sehen, aber natürlich braucht man Freud & Co gar nicht von der Couch zu holen, um „Sucker Punch“ zu konsumieren. Solche Erklärungsversuche greifen auch viel zu weit, da sie die dürftige Geschichte überbewerten und vom reinen Schauwert des Films ablenken. Einen ähnlich cleveren Plot wie „Inception“ kann Snyder nämlich nicht bieten und legt daher ganz richtig auf die Optik den Akzent, wenn er sein Werk als „düstere Geschichte, die visuell sehr ansprechend ist“ charakterisiert.

Vielleicht haben wir ja auch bloß ein Biopic über die Erfinderin des Prinzips ‚ Videospiel‘ vor uns, denn immerhin kämpft sich das dolle Baby aus den 60ern durch 5 Levels, wie es ein moderner Joystick-Jünger auch nicht besser hinkriegen könnte. Genau darin liegt die Stärke und zugleich auch Schwäche von Snyders verspäteter Jungenphantasie: die bombastischen Shootouts der Mädels in Schulmädchen-Outfits sind zwar wie geschaffen für eine große Leinwand, wirken aber bei aller technischen Finesse als Darbietung des Immergleichen in unterschiedlicher Verpackung auf die Dauer ermüdend.

Sobald reale Umgebung und Vorstellungswelten miteinander verschmelzen, werden diverse Requisiten ins jeweils andere Ambiente mitverpflanzt und man fühlt sich angeregt, sie wie in einem Suchbild aufzuspüren, um all dem Gedröhne wenigstens ein bisschen intellektuelle Herausforderung abzugewinnen.

Der postmoderne Stilmix zu unterschiedlich hämmerndem Soundtrack hält noch eine zusätzliche Erkenntnis bereit: Falls es jemals darum geht, Lynchs „Inland Empire“ durch ein Remake in einen Blockbuster zu verwandeln, wissen wir jetzt, dass Snyder der richtige Mann dafür ist.