Filmkritiken
28.10.2014

WOHNGEMEINSCHAFT MIT VAMPIREN

Vier Kerle wohnen unter einem Dach und die typischen Probleme eines solchen Männerhaushalts lassen nicht lange auf sich warten: einer von ihnen hat seit fünf Jahren das rotverkrustete Geschirr nicht mehr gespült; ein anderer befleckt regelmäßig den Stoff eines wertvollen Sofas mit Blut, weil er beim Essen vergisst, Zeitungen oder Handtücher unterzulegen, und der 8000 Jahre alte Bewohner des Kellergeschosses hat seinen Raum mit Skelettteilen völlig versaut - wir befinden uns nämlich in einer neuseeländischen Vampir-WG. Einem Kamerateam wurde nach speziellen Vorkehrungsmaßnahmen gestattet, die vier Untoten Vigo, Vladislav, Deacon und Petyr auf Schritt und Tritt zu begleiten (auch wenn die Typen mal zu schweben beginnen oder sich in Fledermäuse verwandeln, weil sie halt einige Tricks drauf haben) und so nimmt eine wahnwitzige Mockumentary ihren Lauf, bei der bester britischer Humor mit neuseeländischer Coolness eine unwiderstehliche Verbindung eingegangen sind.

Als ein frisch gebissener Mitzwanziger für Zuwachs in der WG sorgt, brechen für die alten Reißzahnträger unverhofft moderne Zeiten an, denn ein menschlicher Freund des jüngsten Vampirs bringt sie alle auf den neuesten Stand des Computerzeitalters: plötzlich sind YouTube, Skype und Selfie keine Fremdwörter mehr für sie und sie stürzen sich mit vollem Appetit ins Nachtleben der Stadt Wellington, weil sie Zugang in exklusive Clubs erhalten. Das Kamerateam verhält sich übrigens bei dem ungewöhnlichen Treiben vollkommen unbeteiligt und rezeptiv (also aufnahme-bereit) und greift niemals in die Vorkommnisse ein (versucht beispielsweise nicht, das Leben eines der zahlreichen Opfer zu schützen); nur im Verlauf eines dramatischen Zusammentreffens mit Werwölfen gerät ein Crewmitglied für wenige Sekunden auch einmal vor die eigenen Linse.

Die beiden Drehbuchautoren und Regisseure Taika Waititi und Jemaine Clement haben auch gleich die Rollen von Viago und Vladislav übernommen. Ihr „Feel Dead Movie“ basiert auf einem Kurzfilm, den sie bereits 2005 gedreht haben. In den folgenden sieben Jahren ist daraus das Script für einen Langfilm geworden, aber bei den Dreharbeiten im September 2012 wurde trotzdem fast ausschließlich improvisiert. Das Massenphänomen „Twilight“ wird ebenso durch den blutroten Kakao gezogen, wie ein paar weitere Vampirfilme. Doch diese extravaganten Untoten haben auch keine Berührungsängste mit anderem Kulturgut und so lässt z.B. ein - in diesem Zusammenhang gänzlich unerwartetes - Werk wie „Sister Act“ grüßen. Die Verweise reichen aber zugleich weit in die Vergangenheit und werden immer wieder anhand von historischem Bildmaterial belegt. (Es hat übrigens auch Nazivampire gegeben und nach Ende des Zweiten Weltkriegs waren sie ganz schön übel dran!)

Bei diesem Film lacht man buchstäblich Tränen und müsste mindestens 8000 Jahre lang tot sein, falls dieser Effekt nicht eintritt. 9 von 10 nosferatu-verdächtigen Spinnenfingern.

( franco schedl)